Tatra 613

Repräsentative Limousinen der 1970er Jahre zeichnen sich üblicherweise durch eine Karosserie mit Stufenheck und einen vergleichsweise großen Motor unter der vorderen Haube aus. Allerdings gab es zu jener Zeit immer noch die kommunistischen Staaten hinter dem Eisernen Vorhang. Dort behandelte man das Thema Automobilentwicklung bekanntlich ein wenig anders. Entweder war man den verhassten Weststaaten deutlich hinterher (Trabant und Wartburg waren irgendwann schlicht veraltet) oder weit voraus. Letzteres galt ab den 1930er Jahren für Tatra aus der Tschechoslowakei. Die großen Limousinen dieser Marke erhielten einen luftgekühlten V8-Motor, der im Heck hinter der Hinterachse verbaut wurde. In dieser Bauweise entstanden die Modellreihen 77, 87, 97, 107, 600 Tatraplan und 603. Sie alle zeichneten sich zudem durch eine rundliche, aerodynamische Form aus.

Premiere ohne Kameras

Ab Ende der 1960er Jahre, also in der Hochzeit des Kalten Krieges, begannen die Entwicklungen an einem modernen Nachfolgemodell für den 603. Obwohl sich die kommunistischen Oststaaten zu diesem Zeitpunkt vom Westen so gut wie möglich abschotteten, suchte Tatra außerhalb des Eisernen Vorhangs nach einem Designer. Möglich war dies, da die Tschechen unter dem neuen Staatschef Alexander Dubcek ab 1968 Reformen und Reisefreiheit einführten. Fündig wurde man schließlich bei Vignale in Italien. Aufgrund des beibehaltenen Layouts mit luftgekühltem V8 im Heck ist die grundlegende Silhouette sehr ähnlich zum Vorgänger. Allerdings sorgte das italienische Designhaus gezielt für Ecken und Kanten. Als Namen wählte man 613. Bereits im April 1969 lieferte Vignale zwei Limousinen und ein Coupé zur Ansicht nach Kopřivnice. Vier Monate später stellte Tatra das Auto erstmalig Journalisten vor, die jedoch zuvor ihre Kameras am Werkstor abgeben mussten. Alle Neuerungen des 613 bekamen sie ins Notizbuch diktiert.

Europaweit vorgestellt, nur in der Ostzone angeboten

Um das Fahrwerk im Vergleich zum 603 deutlich zu verbessern, besorgte man sich einen Glas V8, einen Mercedes-Benz 300 SEL und einen Porsche 911 für Fahrversuche. Aus den Erkenntnissen leitete man unter anderem ab, dass eine Verschiebung des Motors nach vorn die Gewichtsverteilung deutlich verbessern würde. Der 613 hatte fast eine Mittelmotorposition und dadurch nur noch 59 Prozent des Gesamtgewichts im Heck. Zudem sorgte Tatra mit Knautschzonen und einer Sicherheitszelle sowie gepolsterten Flächen im Interieur und einer Sicherheitslenksäule für mehr Überlebenschancen im Falle eines Unfalls. Nachdem diese News ohne Bilder durch die einschlägigen Zeitungen und Magazine der Ostzone verbreitet worden waren, stellte Tatra am Ende des gleichen Monats den 613 auf der Industriemesse in Brno vor. Es folgten Premieren in Brüssel, Belgrad, London, Amsterdam und Turin. Allerdings gab die Regierung keine Investitionen für die neuen Fertigungswerkzeuge frei. So dauerte es bis Ende 1973, ehe eine Kleinserienproduktion begann.

Luftgekühltes V8-Triebwerk

Durch eine Verlagerung der Fertigungslinie von Kopřivnice nach Pribor entstanden 1974 nur wenige Exemplare. Obwohl für die Herstellung der Blechteile Pressen verwendet wurden, entstand das restliche Fahrzeug fast komplett in Handarbeit. Das 3,5 Liter große V8-Triebwerk kam durch zwei Registervergaser auf 165 PS. Ab 1980 gab es den 613-2 mit 168 PS. Diese Motorausbaustufe blieb im 613-3 ab 1985 erhalten. 1991 erschien der 613-4, den es erstmals auch mit elektronischer Einspritzanlage und 200 PS gab. Vom 613-2 zum 613-3 gab es ein kleines Facelift mit neu gestalteten Scheinwerfern. Deutlich umfangreicher waren die Modifikationen beim 613-4, der eine komplett neue Frontpartie und größere, in Wagenfarbe lackierte Stoßfänger erhielt. Mit dem 613 S debütierte 1980 eine verlängerte Version mit mehr Platz im Fond. 1984 stellte Tatra zudem fünf Exemplare des 613 K mit zu öffnendem Textilverdeck her.

Nur rund 11.000 Exemplare in 26 Jahren

Anfänglich war der 613 nur in den sozialistischen Ländern erhältlich, wobei überwiegend Regierungsorganisationen, Polizei und Kombinate bedacht wurden. In der DDR kamen einige staatstreue Professoren, Ärzte und Künstler hinzu. Ein schwerer Unfall, bei dem 1978 ein DDR-Minister ums Leben kam, führte dazu, dass diese Limousine aus dem Staatsfuhrpark der DDR ausgemustert und gegen Westautos von Citroën und Volvo ersetzt wurde. Nordkorea erhielt einige tausend Exemplare für die dortige Polizei. Den 613-4 gab es schließlich auch als Rechtslenker in Großbritannien. Ab 1996 entstanden finale Fahrzeuge der Baureihe als Tatra 700. Für Feuerwehr, Polizei und weitere Behörden gab es zudem den 623. Insgesamt entstanden von 613, 623 und 700 nur rund 11.000 Exemplare. Heutzutage ist der Tatra 613 ein seltener Luxuswagen für Ostalgiker. Das 1969 gebaute Coupé blieb ein Einzelstück, verunfallte bei Testfahrten 1970 und wurde von einem Tatra-Mitarbeiter komplett restauriert.

Bilder: Tatra, Motor1.com, Archiv