600 PS unter freiem Himmel – RUFs radikale Targa-Interpretation

Pfaffenhausen liegt in der sanften Hügellandschaft des bayerischen Allgäus, wo Kuhglocken den Takt vorgeben und der Horizont nicht von Wolkenkratzern, sondern von Baumkronen unterbrochen wird. Ein Ort wie viele andere – scheinbar. Denn inmitten dieser ländlichen Idylle entwickelt sich seit Jahrzehnten etwas, das mit dem Wort „Auto“ nur unzureichend beschrieben ist. Hier befindet sich die Zentrale der RUF Automobile GmbH.

Alois Ruf und sein Team arbeiten nicht für den Markt, sondern für die Idee. Ihre Fahrzeuge folgen keinem Trend, keiner Vorgabe – sie entstehen aus Überzeugung, aus Leidenschaft und aus einem tiefen Verständnis für das, was das Fahren bedeuten kann. Und manchmal entstehen dort Fahrzeuge, die selbst innerhalb dieses Kosmos herausragen – so wie der Rt Roadster von 2011, der am 13. und 14. August bei der Auktion von Broad Arrow in Monterey versteigert wird. Ein Einzelstück – nicht nur im technischen, sondern auch im geistigen Sinne.

Die Inspiration für den Rt Roadster lag im Porsche Targa der ersten Generation – jener frühen Variante mit klappbarem Softverdeck und flexibler Kunststoffheckscheibe. Ein technisches Zwischenmodell, das vor allem durch sein luftiges Fahrgefühl und das unverfälschte Motorengeräusch in Erinnerung geblieben ist. Genau dieser emotionale Zugang reizte Alois Ruf, als er 2011 seine eigene Version dieser Idee entwickelte. Doch beim Rt Roadster handelt es sich nicht um eine nostalgische Kopie. Die technische Basis stammt vom Rt 12 S, einem Hochleistungsmodell mit 3,8-Liter-Biturbo-Boxermotor, Allradantrieb und Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Die Leistung: 600 PS – deutlich über dem damaligen 911 Turbo S. Frischluft bekommt das Triebwerk über markante Lufteinlässe in den hinteren Kotflügeln. Das Fahrwerk wurde von RUF komplett neu abgestimmt. So entstand ein offener Hochleistungssportwagen mit echter Alltagstauglichkeit – und einem Klangbild, das durch das offene Heckfenster besonders präsent ist.

Der optische Auftritt des Fahrzeugs ist ebenso eigenständig wie die Technik. Der Lack trägt den Namen Chroma Flash Hologram Matt – eine changierende Oberfläche, die je nach Lichteinfall zwischen Silber, Gold und Blau spielt. Dazu kommt ein mattgrauer Überrollbügel, ein farblich abgestimmtes Hardtop und geschmiedete 19-Zoll-Zentralverschlussfelgen. Die Bremsanlage mit Carbon-Bremsscheiben und gelben Vierkolben-Sätteln stammt direkt aus dem Rennsport.

Innen dominiert rotes Leder mit silbernen Kontrastnähten, ergänzt durch ein Interieurpaket in Sichtcarbon: Schalthebel, Handbremse, Sportsitze und Lenkrad. Weitere Akzente setzen silberne Sicherheitsgurte, steingrauer Teppich und lackierte Zierteile in Wagenfarbe. Trotz aller Konzentration auf Fahrdynamik bleiben Komfortfunktionen nicht außen vor: Navigation per Touchscreen, BOSE-Soundsystem und eine solide Alltagsergonomie sind selbstverständlich.

Der Roadster wurde ursprünglich in die USA ausgeliefert und blieb dort in Sammlerhand. Ein CARFAX-Bericht von 2014 bestätigt einen damaligen Kilometerstand von nur 5.398 Meilen. Aktuell sind 6.907 Meilen verzeichnet. Zuletzt wurde das Fahrzeug bei RUF North America serviciert: frische Reifen, neue Blinker vorne, Flüssigkeitswechsel, Neulackierung der vorderen Stoßstange – alles dokumentiert.

Ein im Juni 2024 ausgestelltes RUF Zertifikat bestätigt die Authentizität des Wagens, inklusive Matching Numbers von Motor und Getriebe. Es handelt sich um das einzige gebaute Exemplar dieses Typs – ein echtes Einzelstück.

Wenn der RUF Rt Roadster im August bei Broad Arrow in Monterey zur Versteigerung kommt, geht es nicht nur um Leistung oder Ausstattung. Dieses Auto steht für eine Haltung: für Individualität, für technische Substanz, für die Lust am Andersdenken. Es ist kein Showcar, sondern ein fahrbarer Beweis dafür, dass Präzision und Persönlichkeit sich nicht ausschließen.

Photos: Broad Arrow Auctions