Ein Stier der fliegen lernte – 60 Jahre Lamborghini Miura
Genf, Frühjahr 1966. Messehallen voller Chrom, Zigarrenrauch und ehrfürchtigem Gemurmel. Auf den Ständen der etablierten Hersteller stehen Gran Turismos, würdevoll wie Herrenclubs auf Rädern. Lange Motorhauben, viel Leder, viel Tradition. Dann steht da plötzlich dieses Ding. Flach. Breit. Unverschämt niedrig.
Der Lamborghini Miura.
Ein Auto, das aussieht, als wäre es eher für eine Landung auf dem Mond gedacht als für eine Fahrt nach Mailand. Manche Besucher bleiben einfach stehen und starren. Andere gehen einmal um das Auto herum und versuchen zu verstehen, was sie da eigentlich sehen. Die Erklärung ist einfach und zugleich revolutionär. Der Motor sitzt hinter den Sitzen. Quer eingebaut. Ein Zwölfzylinder mitten im Auto. Ein Konzept aus dem Rennsport, plötzlich auf der Straße. Damit verändert sich alles – Proportionen, Gewichtsverteilung, Haltung. Das Auto wirkt nicht gebaut, sondern gespannt wie ein Muskel.
Die junge Marke Automobili Lamborghini ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal ein paar Jahre alt. Ihr Gründer Ferruccio Lamborghini wollte ursprünglich nichts weiter als bessere Gran Turismos bauen als die Konkurrenz aus Maranello. Schnell, komfortabel, technisch sauber.
Der Miura kümmert sich wenig um solche Bescheidenheit. Er sieht aus wie eine Provokation. Verantwortlich für diese Erscheinung ist ein junger Designer bei Bertone. Sein Name: Marcello Gandini. Gandini zeichnet Linien, die fließen wie geschmolzenes Metall. Eine Motorhaube, die kaum höher ist als ein Knie. Luftöffnungen hinter den Türen. Scheinwerfer mit Wimpern, als hätte jemand beschlossen, einem Supersportwagen plötzlich Augen zu geben.
„Zwischen 1966 und 1973 entstehen nur rund 760 Exemplare. Genug, um eine Legende zu erschaffen, die aktuell irgendwo zwischen 1.5 und 3 Millionen Euro liegt.“

Es entsteht ein Objekt, das gleichzeitig elegant und gefährlich wirkt. Und dann dieser Motor. Ein 3,9-Liter-V12, quer montiert, direkt hinter dem Fahrer. In frühen Versionen rund 350 PS. Später, im Lamborghini Miura P400 SV, fast 385 PS. In einer Zeit, in der viele Sportwagen noch mit deutlich weniger Leistung unterwegs sind. Mehr als 280 km/h Spitze stehen im Datenblatt. Werte, die damals eher nach Le-Mans-Prototyp als nach Serienauto klingen.
Der Miura verändert auch die Wahrnehmung von Geschwindigkeit. Bis dahin sehen schnelle Autos meist aus wie elegante Reisewagen mit etwas zu viel Leistung. Der Miura hingegen wirkt von Anfang an wie ein Raubtier. Ein Auto, das Geschwindigkeit nicht nur erreicht, sondern auch ausstrahlt. Viele spätere Supersportwagen folgen genau diesem Prinzip. Motor in der Mitte, flache Silhouette und dramatisches Design.
Sechzig Jahre später hat sich die Welt verändert. Die Autos sind komplexer geworden. Elektronik, Hybridisierung, digitale Fahrdynamik. Doch die Idee hinter dem Miura lebt weiter und wird (zu Recht) oft als schönstes Design der Automobilgeschichte betitelt.




Bei Automobili Lamborghini entsteht heute eine neue Generation von Supersportwagen. Der Lamborghini Revuelto verbindet den klassischen V12 mit elektrischer Unterstützung und mehr als tausend PS Systemleistung. Auch der Lamborghini Temerario oder der Urus zeigen, wie breit das Spektrum der Marke inzwischen geworden ist.
Was dabei auffällt: Die Haltung ist auch trotz Audi AG geblieben.
Lamborghini baut Autos, die Aufmerksamkeit verlangen und erzeugen. Autos, die laut sind. Autos, die auf Parkplätzen Gespräche auslösen und in Tunneln kleine Opern aufführen. Der Ursprung dieser Haltung steht noch immer in den Geschichtsbüchern der Marke. Ein flacher, orangefarbener Keil aus den sechziger Jahren. Ein Auto, das plötzlich beschloss, dass ein Supersportwagen nicht brav sein muss.
Der Lamborghini Miura hat der Automobilwelt damals eine einfache Idee hinterlassen: Wenn man schon schnell ist, darf man auch spektakulär aussehen.
Photos: Lamborghini
