Auf den Spuren der Formel 1 mit dem Lotus Emira Type 86.
Wir schreiben das Jahr 1980. Colin Chapman und Martin Wright arbeiten an einem neuen Konzept für Lotus in der Formel 1, das die Grenzen des Reglements ausreizt. Wing-Cars waren zu diesem Zeitpunkt offiziell verboten. Das Reglement verlangte, dass alle aerodynamischen Teile fest mit dem Chassis verbunden sein müssen. Es war jedoch unklar, ob mit „Chassis“ die Einzahl oder die Mehrzahl gemeint war. Chapman erkannte darin eine Chance und entwickelte einen Rennwagen mit zwei ineinander liegenden Chassisteilen, die jeweils unabhängig voneinander gefedert waren. So konnte ein Teil für die Aerodynamik und die Kühler sorgen, während das andere Chassis Fahrer, Motor, Getriebe und Fahrwerk aufnahm – ein Doppelchassis, das technisch völlig neuartig war. Das Resultat war ein Auto, das technisches Neuland betrat, aber beim geplanten Einsatz in Rio de Janeiro von Ferrari und Williams angefochten und daraufhin disqualifiziert wurde.
44 Jahre später stehen wir auf dem Col de l’Arme und blicken hinunter auf das Fürstentum Monaco. Das Fahrzeug, das uns hierhergebracht hat, ist der Lotus Emira Type 86 – eine auf nur 12 Exemplare limitierte Sonderedition, die eine Hommage an jenen visionären Prototypen der 80er Jahre ist. Sofort zu erkennen ist die Historie an der „Essex“-Lackierung in Blau mit rot-silbernen Streifen sowie der Startnummer 11 auf den Kotflügeln. Als meine Finger über die Karosserie gleiten, fällt ein Detail auf, das heute selten geworden ist: Hier ist nichts foliert. Alle Akzente sind aufwendig lackiert.






Im Supercar-erprobten Fürstentum drehen sich unzählige Köpfe nach dem Lotus um. Grund dafür ist sicherlich das Design des Emira, das unverkennbar die DNA des elektrischen Hypercars Evija trägt. Die markante Vorderkante der Motorhaube, die sich nach hinten verjüngende Fahrgastzelle und die skulpturale Heckpartie zitieren deutlich den großen Bruder.
Wie beim Evija sind auch beim Emira Lüftungsöffnungen in die Motorhaube integriert. Sie leiten den Luftstrom effizient über das Fahrzeug, optimieren die Aerodynamik und sind in dieser Fahrzeugklasse nahezu einzigartig. Auch das vertikale „Twin-Blade“-Design der Voll-LED-Scheinwerfer wurde vom Evija übernommen und verleiht dem Briten eine moderne Präsenz, ohne dabei aufdringlich zu wirken.
Technisch bleibt der Emira Type 86 bewusst puristisch. In unserem Fall arbeitet hinter den Sitzen der bekannte 2,0-Liter-Vierzylinder von AMG, kombiniert mit einem Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe. 360 PS und 430 Newtonmeter Drehmoment liegen an der Hinterachse an, genug, um den Emira in rund 4,5 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h zu beschleunigen. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei knapp 280 km/h. Viel entscheidender als nackte Zahlen ist jedoch die Basis: Mittelmotorlayout, Heckantrieb, eine verklebte Aluminiumstruktur und ein straff abgestimmtes Fahrwerk, das konsequent auf Rückmeldung ausgelegt ist. Mit kompakten Abmessungen von rund 4,41 Metern Länge und einem tiefen Schwerpunkt bleibt der Emira ein Sportwagen alter Schule, gebaut nicht für Datenblätter, sondern für echte Straßen, wie die in den Bergen hinter dem Fürstentum von Monaco.
Höhepunkt: Col de L’Arme
Showdown! Bei nautischer Dämmerung verlassen wir das Fürstentum. Die Route führt uns hoch in Richtung Tête de Chien, La Turbie und schließlich zum Col de l’Arme. Die Straße windet sich hinter Monaco empor und endet am prestigeträchtigen Monte-Carlo Golf Club. Vier spitze Kehren verteilen sich über die Strecke, dazwischen wechseln sich langgezogene Kurven mit kurzen Geraden ab. Es ist die Hausstrecke der Monegassen und wohl einer der wenigen Orte der Welt, wo man Formel‑1‑Piloten begegnet, die ihr Hypercar mit einem Golfbag auf dem Beifahrersitz zum Golfplatz bewegen.
Hinter La Turbie öffnet sich die Landschaft. Neben uns fällt der Berg steil ab ins Mittelmeer, in der Ferne zeichnen sich schemenhaft die Umrisse von Korsika ab. Ein surrealer Moment. Ab hier sprechen wir das erste Mal mit dem Emira in der Sprache, die er am besten versteht.
Hier, fernab von Staus, Ampeln und Stop-and-Go-Verkehr entfaltet sich das wahre Wesen des Briten. Anbremsen, einlenken, Scheitelpunkt, Gas. Im „Sport“- und „Track“-Modus tänzelt der Emira leichtfüßig aus den Kehren, agil und gierig auf die nächste Kurve. Das Einlenkverhalten des Engländers wirkt fast telepathisch. Aufgrund des geringen Rückstellmoments der Lenkung verlangt er nach dem Scheitelpunkt aktive Arbeit am Volant. Es dauert nicht lange, bis man mit dem Emira einen Rhythmus findet. Jede Kurve, jeder Lastwechsel fühlt sich an wie ein gut dirigiertes Orchester, bei dem einfach alles zusammenpasst.
„Aus 4 Kehren werden 24. Aus einem Frühstück eher ein Brunch.“

Als wir zum dritten Mal die 180-Grad-Wende am Gipfel des Cols vollziehen, ist klar, dass aus vier Kehren längst deutlich mehr geworden sind. Bei dieser Kulisse ist der Fotostopp obligatorisch, auch wenn ein Teil von mir aus den 24 noch gerne 36 Kehren gemacht hätte. Zeit, zu rekapitulieren, was in den letzten 45 Minuten geschehen ist. Der erste Gedanke: Das ist genau das Auto, das man in unserer heutigen Zeit braucht. Kein autonomes Fahren, keine Hybrid-Komplexität, kein riesiges Beifahrerdisplay. Kein stumpfes 0-auf-100-Beschleunigungsmonster.
Stattdessen erleben wir einen puren Sportwagen mit analogem Herzen. Und das, obwohl der Emira nicht handgeschaltet ist, über Annehmlichkeiten wie einen Tempomaten verfügt und uns am Lenkrad mit leidigen Touch-Bedienfeldern konfrontiert. Doch er bietet genau die richtige Dosis an jenen Attributen, die einen Fahrer fordern und belohnen: satter Sound, ein hervorragendes Fahrwerk und eine Lenkung, die lebt. Dazu ein aufgeräumtes Interieur, in dem man die Klimaanlage noch herrlich haptisch über physische Knöpfe bedient. Genauso muss es sein.
„Zurück auf dem Asphalt des Fürstentums zieht man Bilanz: Der Emira Type 86 beweist eindrucksvoll, dass ein Sportwagen auch heute noch Tugenden von früher besitzen darf.“
Keine Überfrachtung, kein technischer Schnickschnack, keine Ablenkung. Nur Auto, Straße und Fahrer. So kitschig es auch klingen mag aber der Emira ist ein echtes Driver’s Car, das jede Kurve fühlbar macht mit Feedback und Charakter. Und so bleibt am Ende ein stiller Dank an Colin Chapman. Sein unbändiger Ingenieursgeist und der Mut, Grenzen zu verschieben, leben in diesem Auto weiter. Ein Vermächtnis, von dem sich auch viele Verantwortliche in der heutigen Automobilindustrie gerne eine Scheibe abschneiden dürften.
Lotus Emira Type 86
Motor: 2,0-Liter 4 Zylinder Motor von AMG
Leistung: 360 PS @ 6.600 U/min
Gewicht: ca. 1.405 kg (Trockengewicht)
Beschleunigung: 0–100 km/h in 4,4 Sekunden
Max. Drehmoment: 430 Nm.
V-Max: 275 km/h
