Sympathy for the Devil: 35 Jahre Lamborghini Diablo

Nomen est Omen? Vielleicht. Wenn man einen Supersportwagen nach einem Teufel benennt, erwartet niemand bloßen Gehorsam. Man erwartet Feuer, Widerstand und pure Emotion. Der Lamborghini Diablo war genau das: Ein mechanisches Biest, das gezähmt werden wollte. Über drei Jahrzehnte nach seinem Debüt blicken wir zurück auf den wilden Ritt des Stiers, der Lamborghini in die Moderne katapultierte.

Es dauerte quälende 16 Jahre, bis Lamborghini einen würdigen Erben für den legendären Countach fand. Doch als der Diablo 1990 endlich auf den Asphalt rollte, war er mehr als nur ein Nachfolger. Er war ein Statement. Benannt nach einem Kampfstier, der sich 1869 in Madrid ein legendäres Duell mit dem Torero ‚El Chicorro‘ lieferte, trug dieser Wagen den Kampfgeist schon im Namen. Aus heutiger Sicht, in der elektrifizierte Familienkombis in drei Sekunden auf Hundert sprinten, mögen 362 kW (492 PS) fast bescheiden wirken. Doch machen wir uns nichts vor: 1990 war das die absolute Monarchie auf der Überholspur. Der 5,7 Liter große V12-Sauger brüllte den Diablo auf damals unfassbare 320 km/h.

„Er war laut, er war breit, und er war der unangefochtene König der Autobahn.“

Die Entstehung des „Teufels“ war alles andere als himmlisch. Lamborghini steckte in einer Identitätskrise. Nach diversen Besitzerwechseln und qualitativen Tiefpunkten beim späten Countach, sollte unter Patrick Mimran das „Projekt 132“ die Rettung bringen. Doch das Geld fehlte. Erst als der US-Gigant Chrysler 1987 das Ruder übernahm, kam Fahrt in die Sache – und Drama.

Chrysler wollte das Design weichspülen, doch sie hatten die Rechnung ohne Marcello Gandini gemacht. Der Maestro des Keil-Designs war von den amerikanischen Änderungswünschen so beleidigt, dass er seinen ursprünglichen Entwurf kurzerhand an Claudio Zampolli verkaufte. Das Ergebnis kennen Kenner heute als Cizeta-Moroder V16T – den optischen Zwilling des Diablo. Am Ende lenkte Chrysler ein, Gandinis Linien blieben (größtenteils) erhalten, und der Luftwiderstand wurde gegenüber dem Countach drastisch verbessert. Zumindest so lange, bis der Kunde den optionalen, riesigen Heckflügel bestellte, der die Aerodynamik ruinierte, aber verdammt gut aussah.

Unter der Hülle aus Stahl, Aluminium und (erstmals) Kohlefaser steckte ein verbessertes Rohrrahmenchassis. Doch im Innenraum prallten Welten aufeinander. Während Gandini außen für italienische Dramatik sorgte, ließ Chrysler das Cockpit in Detroit zeichnen. Das Resultat war ein kurviges Armaturenbrett, das verdächtig an die zeitgleich entwickelte Dodge Viper erinnerte.

Wer den Diablo fahren wollte, musste arbeiten. Kein Doppelkupplungsgetriebe, keine Schaltwippen. Nur ein ehrliches, manuelles Fünfgang-Getriebe mit offener Kulisse. Besitzer fluchten über Kupplungspedale, die Waden aus Stahl erforderten, und eine Schaltung, die Präzision und Kraft verlangte. Aber genau das machte den Reiz aus: Es war ein Ringen mit dem Stier.

VT und SE30: Allrad-Revolution und Lila Träume

Drei Jahre nach dem Start zündete Lamborghini die nächste Stufe: Der Diablo VT (Visco Traction) brachte 1993 erstmals Allradantrieb in einen Supersportwagen aus Sant’Agata – wenn man vom Gelände-Monster LM002 absieht. Plötzlich war der Stier beherrschbar, Kraft wurde bei Bedarf an die Vorderräder geleitet, und eine Servolenkung machte das Einparken vom Kraftakt zur Machbarkeit.

Doch das wahre Highlight für Puristen kam zum 30. Firmenjubiläum: Der Diablo SE30. Ein auf 150 Stück limitiertes Leichtbau-Monster in der ikonischen Farbe „Viola SE 30“ (Lila Metallic). Wer mutig war, bestellte das „Jota-Kit“ dazu, das die Leistung auf wilde 596 PS schraubte und zwei markante Lufteinlässe auf dem Dach installierte. Parallel dazu öffnete sich der Himmel: Mit dem Diablo VT Roadster bot Lamborghini 1995 erstmals einen offenen V12 an. Das Hardtop musste zwar umständlich auf der Motorhaube festgeschnallt werden, aber der Sound des Zwölfzylinders im Nacken entschädigte für jede Mühe.

Beginn der Audi Ära, das Facelift und Finale.

1998 änderte sich alles. Audi (und damit der VW-Konzern) übernahm das Steuer. Die erste Amtshandlung aus Ingolstadt? Schluss mit Heckantrieb beim SV Roadster (weshalb es davon nur eine Handvoll gibt) und eine massive Qualitätsoffensive. 1999 bekam der Diablo sein großes Facelift. Das markanteste Merkmal: Die Klappscheinwerfer verschwanden und wurden durch Klarglas-Leuchten ersetzt. Ein charmantes Detail für Car-Nerds: Diese Scheinwerfer stammten lizenziert vom Nissan 300ZX Z32. Unter deutscher Regie stieg die Leistung auf 530 PS, und der Innenraum wurde komplett überarbeitet.

Zum großen Finale kurz vor der Jahrtausendwende ließ Lamborghini es noch einmal krachen: Der Diablo GT (nur 80 Stück) und der reine Rennwagen GTR brachten Hubraumerweiterungen auf 6,0 Liter und bis zu 596 PS. Als 2001 dann der letzte Vorhang fiel, hatte der Diablo den Countach nicht nur in der Bauzeit, sondern auch in der Stückzahl übertroffen. 2.903 Exemplare verließen das Werk. Das letzte Aufbäumen war der Diablo VT 6.0 und die finale „SE“ Edition in Gold und Braun. Danach übergab der Teufel das Zepter an den von Luc Donckerwolke gezeichneten Murciélago.

Fazit: Der Diablo war das Bindeglied zwischen der alten, chaotischen Handwerkskunst Italiens und der modernen High-Tech-Ära unter Audi. Er war unperfekt, brutal und wunderschön. Ein echter Teufelskerl eben.