Der M3 nach dem M3

Le Mans, kurz vor Mitternacht.

Die Luft riecht nach Benzin, Bremsstaub und jener eigentümlichen Mischung aus Euphorie und Erschöpfung, die nur ein 24-Stunden-Rennen erzeugen kann. Auf der Hunaudières-Geraden verschwinden die Prototypen in der Dunkelheit, ihre Rücklichter werden zu roten Punkten am Horizont. Seit Jahrzehnten ist dieser Ort eine Bühne für Verbrennungsmotoren, für mechanische Gewalt, für Maschinen, die ihre Existenz lautstark rechtfertigen. Genau hier zeigt BMW die Zukunft des M3.

Oder zumindest das, was einmal ein M3 werden soll.

Das neue BMW M Concept Neue Klasse feierte seine Weltpremiere nicht in einem sterilen Messestand, nicht auf einer Designwoche und auch nicht zwischen Influencern und LED-Wänden. BMW brachte den Wagen nach Le Mans. Das ist kein Zufall. Die Botschaft dahinter ist unmissverständlich: Die elektrische Zukunft der M GmbH soll nicht als technologische Notwendigkeit verstanden werden, sondern als Fortsetzung einer Motorsporttradition.

Ob das funktioniert, wird allerdings nicht allein BMW entscheiden.

Denn kaum ein Fahrzeug trägt innerhalb der Marke mehr emotionale Last auf seinen Schultern als der M3. Seit dem E30 steht die Modellbezeichnung für eine sehr spezielle Idee. Ein relativ kompaktes Auto. Vier Türen oder zwei. Ein Motor vor dem Fahrer. Hinterradantrieb. Präzision statt Überfluss. Selbst die stärksten Generationen wirkten nie wie Statussymbole für die Autobahn, sondern wie Werkzeuge für Menschen, die tatsächlich gerne Auto fahren. Der neue elektrische M3 wird vieles davon infrage stellen.

Schon das Concept Car macht keinen Hehl daraus. Breite Kotflügel, gewaltige Lufteinlässe, ein aggressiver Frontsplitter und eine Formensprache, die eher nach Rennstrecke als nach Geschäftsreise aussieht. BMW spricht von einer neuen Designsprache für die elektrische M Zukunft. Form folgt Funktion, lautet die bekannte Begründung.

Interessant ist dabei vor allem, wie stark sich die Designer auf die Vergangenheit beziehen, obwohl sie gleichzeitig einen radikalen Bruch vollziehen. Die gelben Frontleuchten erinnern an GT Rennwagen und den BMW M Hybrid V8. Die Zentralverschlussräder zitieren den Motorsport. Selbst die Proportionen wirken wie eine moderne Interpretation klassischer Sportlimousinen. Und dennoch steht unter dem Blech etwas völlig Neues.

Vier Elektromotoren sollen künftig die Kraft individuell an jedes einzelne Rad verteilen. BMW verspricht eine neue Dimension von Dynamik, Präzision und Regelgeschwindigkeit. Die Technik dahinter trägt den Namen M eDrive und wird von einer zentralen Fahrdynamiksteuerung koordiniert. Das klingt zunächst nach Marketingvokabular. Gleichzeitig dürfte genau hier die eigentliche Revolution liegen.

Seit Jahrzehnten versuchen Ingenieure, die perfekte Balance zwischen Leistung und Beherrschbarkeit zu finden. Sperrdifferenziale wurden intelligenter, Fahrwerke komplexer, Regelsysteme schneller. Der elektrische M3 könnte diesen Weg konsequent zu Ende denken. Nicht mehr ein Antrieb für zwei Räder. Nicht mehr zwei Motoren für zwei Achsen. Sondern vollständige Kontrolle über jedes einzelne Rad. Die Frage lautet allerdings nicht, wie schnell ein Elektro M3 ist. Die Frage lautet, ob es sich noch nach einem M3 anfühlt.

Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Diskussion.

Denn die Geschichte des M3 war nie die Geschichte des leistungsstärksten BMW. Dafür gab es immer größere Modelle. M5, M6 oder später die schweren SUV der M GmbH. Der M3 lebte von seiner Unmittelbarkeit. Von jenem Gefühl, dass zwischen Fahrer und Maschine möglichst wenig Elektronik vermittelt. Nun präsentiert BMW ein Auto, dessen Fähigkeiten maßgeblich von Software bestimmt werden. Man könnte darin einen Widerspruch sehen. Man könnte aber auch argumentieren, dass BMW schon immer genau so gearbeitet hat.

Der originale E30 M3 war zu seiner Zeit natürlich auch nie ein nostalgisches Produkt. Er war Hightech. Der E46 M3 brachte ein Hochdrehzahlkonzept auf die Straße, das direkt aus dem Motorsport inspiriert war. Der E92 führte einen V8 ein, obwohl Puristen den Reihensechser liebten. Jede Generation wurde zunächst kritisch betrachtet. Viele wurden später zu Legenden.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus vier Jahrzehnten M3 Geschichte.Nicht die Technik definiert das Auto. Sondern die Art, wie sie eingesetzt wird.

Noch kennt niemand die endgültigen Leistungsdaten. Noch gibt es keine Nordschleifenzeit. Noch weiß niemand, wie schwer der Serienwagen tatsächlich sein wird. Sicher scheint lediglich, dass BMW die elektrische Zukunft nicht als Pflichtübung betrachtet. Dafür wirkt das Concept Car zu selbstbewusst, zu kompromisslos und auch zu provokant. Der erste elektrische M3 konnte niemals ein leiser Übergang werden. Dafür ist die Modellbezeichnung zu bedeutend. Dafür hängen zu viele Erinnerungen an ihr. Le Mans war deshalb der richtige Ort.

Zwischen den lautesten Rennwagen der Welt präsentierte BMW ein Auto, das auf den ersten Blick wie ein Angriff auf die eigene Geschichte wirkt. Vielleicht stellt sich in einigen Jahren heraus, dass es in Wahrheit deren konsequente Fortsetzung war.

Photos: BMW M