90 Jahre Horch 12

Kürzlich ging im Internet die Frage herum, ob es ein Auto mit Zwölfzylindermotor und Schaltgetriebe gegeben habe. Als einziges Beispiel wurde der BMW 850 CSi genannt. Sportwagen wie der Pagani Zonda waren jedoch von der Fragestellung ausgeschlossen. Aufgeworfen wurde sie durch den YouTuber und Autotuner Jean Pierre Kraemer, vielen als JP Performance bekannt. Wir möchten an dieser Stelle antworten und sagen: ganz klar ja! Allerdings ist es verständlich, dass der entsprechende Wagen heute kaum noch bekannt ist. Die Weltpremiere auf dem Pariser Autosalon liegt 90 Jahre zurück. Mit nur 81 produzierten Exemplaren war die Verbreitung zudem sehr eingeschränkt. In unserer Überschrift verraten wir es bereits, es geht um den Horch 12. Diesen gab es in den Modelltypen 600 und 670. Den Schritt vom Reihenachtzylindermotor hoch zu zwölf Zylindern unternahm Horch, um europäischer Marktführer im Luxusautosegment zu bleiben. Maybach hatte nämlich 1930 das Modell DS8 Zeppelin mit V12-Triebwerk präsentiert.

Zwölfzylinder-Motor mit manuellem Getriebe

Unter der Leitung des Konstrukteurs Fritz Fiedler entstand ein sechs Liter V12-Motor mit 120 PS, dessen zwölf Zylinder in einem 66-Grad-Winkel auseinander standen. Die Kurbelwelle war siebenfach gelagert und die zentral zwischen den Zylinderbänken untergebrachte Nockenwelle trieb eine automatisch gespannte Kette an. Über Kipphebel öffneten und schlossen sich die waagerecht angeordneten Ventile mit hydraulischem Ventilspielausgleich. Zur besseren Schmierung beim Kaltstart konnte vom Cockpit aus zusätzliches Motoröl über ein eigenes Leitungssystem in die Zylinder gedrückt werden. Eine Besonderheit war das teilsynchronisierte Viergang-Getriebe mit Schalthebel auf dem Mitteltunnel. Viele Autos hatten damals diesen Hebel entweder noch außen an der Karosserie oder als lange Stange unter dem Armaturenbrett. Zudem hatten Mitbewerber wie Maybach oder Mercedes-Benz bereits damit begonnen, ihre Getriebe zu automatisieren, um dem Fahrer das Schalten abzunehmen. Interessanterweise behielt Cadillac in den USA sogar beim V-16 mit 16 Zylindern ein manuelles Dreigang-Getriebe bei.

Horch war günstiger als Maybach und Mercedes

In Paris debütierte im Herbst 1931 erst einmal nur der Horch 670 als repräsentatives, viersitziges Cabriolet. Dank eines Radstandes von 3,45 Metern bot der Wagen innen mehr als genug Platz. Im Folgejahr bot Horch dann auch den Typ 600 als geschlossene Limousine oder Pullman-Cabriolet mit je 3,75 Metern Radstand an. Optisch ähnelten beide Modellreihen stark den kleineren Achtzylindermodellen. Ein Alleinstellungsmerkmal war jedoch die dreigeteilte Windschutzscheibe. Diese wurde notwendig, da gebogenes Glas zu jener Zeit teuer und aufwändig in der Herstellung war. Hermann Ahrens zeichnete für die elegant geschwungenen Kotflügel und die restliche Karosserie verantwortlich. Er verließ Horch 1932 und wechselte zu Mercedes-Benz, wo er den 500 K und 540 K gestaltete. Interessanterweise war der Horch 12 im Vergleich zum Maybach DS8 und auch zum Mercedes-Benz 770 deutlich günstiger, obwohl er gleichen Luxus und Komfort bot.

Nur noch vier Autos weltweit existent

So waren die in Messing eingelassenen Rundinstrumente in einem Echtholz-Armaturenbrett verbaut. Unter dem Fahrzeug befindet sich ab Werk ein hydraulisches Wagenhebersystem, um leichter die Räder wechseln zu können. Da die damaligen Straßen in weit schlechterem Zustand waren als unsere heutigen, kam der Horch mit zwei Ersatzrädern. Diese saßen außen am Kofferraum und können zum Öffnen desselbigen heruntergeklappt werden. Aufgrund der Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise fanden sich nur relativ wenige Käufer für den Horch 12. Bis 1933 entstanden 28 Typ 600. Ein Jahr später endete auch die Produktion des Typ 670 nach immerhin 53 Fahrzeugen. Heute sind weltweit nur noch vier Wagen bekannt. Während eines im Cité de l’Automobile in Mulhouse parkt, steht ein weiteres im Audi Museum und eines im ZeitHaus der AutoStadt in Wolfsburg. Die beiden letztgenannten können Sie in unserer Bildergalerie sehen.

Bilder: Audi Tradition, AutoStadt, Matthias Kierse