Škoda Sagitta

Škoda blickt aktuell in einigen Presseberichten auf eher unbekannte Fahrzeuge der Markengeschichte zurück. Heute beleuchtet man dabei den Sagitta, der als Prototyp ab 1936 den Weg in die Untere Mittelklasse bereitete. Zuvor wuchs der Škoda Popular, das zwischen den Weltkriegen beliebteste Modell aus Mladá Boleslav, in allen Dimensionen. Neben den Abmessungen stiegen auch Hubraum, Leistung und Preis an, wodurch unterhalb dieser Modellreihe Platz für ein kleineres Einstiegsmodell entstand. Noch bis in die 1920er Jahre hinein hatten hohe Preise und hohe Besteuerungen das Automobil zu einem Spielzeug der reichen Bevölkerung abgestempelt. 1929 sorgte die weltweite Wirtschaftskrise für eine deutliche Abkühlung der Aufbruchstimmung, die zuvor in den ‚goldenen 20ern‘ geherrscht hatte. Škoda hatte kurz zuvor eine neue Fertigungshalle mit Fließband in Betrieb genommen und zudem neue Modelle entwickelt, die vom klassischen Leiterrahmen abwichen. Durch einen leichteren Zentralrohrrahmen und Einzelradaufhängung boten sie besseres Fahrverhalten, geringeren Wartungsbedarf und waren zudem deutlich günstiger zu produzieren, was sich auch auf die Preise positiv auswirkte.

Unter der Leitung von Josef Zubatý fanden in der Entwicklungsabteilung im Prager Stadtteil Letňany Arbeiten an neuen Motoren statt. Neben den bereits bewährten Vierzylinder-Viertakt-Triebwerken mit Wasserkühlung fanden auch Überlegungen und Tests mit einem V2-Viertaktmotor und einem Zweitakt-Einzylindermotor statt. Letzterer wanderte im Juni 1933 in einer Version mit 500 Kubikzentimetern in den Prototyp Škoda 112. In den Folgemonaten folgten ein 850 Kubikzentimeter großer, luftgekühlter V2-Viertaktmotor und schließlich ein V2-Zweitaktmotor vom Typ 222. In der Firmenleitung von Škoda konnten diese Triebwerke jedoch nicht überzeugen. Man präferierte wenn überhaupt das Viertakt-Prinzip, gab aber die Entwicklung eines neuen Motors mit zwei Zylindern in Reihe in Auftrag. Derweil nutzten die 1933 präsentierten Modelle der Baureihe 420 Standard einen Vierzylinder-Viertaktmotor, der auch ein Jahr später den 418 Popular und den 420 Popular antrieb. Durch den bereits erwähnten Einsatz der Fließbandfertigung sank zwar der Neupreis des 418 Popular gegenüber dem 420 Standard von 29.800 auf 18.800 tschechische Kronen, ließ dadurch aber immer noch Platz nach unten für ein weiteres Modell.

Der beauftragte Zweizylinder-Reihenmotor erhielt das Typenkürzel 215 und einen Hubraum von 804 Kubikzentimetern, aus denen das Team rund um Josef Zubatý anfänglich 11 kW/15 PS kitzelte. Bis zum Einbau in erste Fahrzeuge wuchs der Hubraum auf 844 Kubikzentimeter bei gleicher Leistung. Ein Dreigang-Getriebe übertrug die Kraft zum Verteilergetriebe an der Hinterachse. Rund um den Antrieb entstand ein 3,4 Meter kurzer Prototyp mit 2,1 Metern Radstand, 1,32 Metern Breite und 1,42 Metern Höhe. Wann genau die ersten Exemplare fertiggestellt waren, lässt sich nicht mehr genau sagen. Es dürfte jedoch zwischen 1936 und 1938 gewesen sein. Während die Karosserieform des ersten Fahrzeugs nicht mehr bekannt ist, folgten anschließend noch zwei Cabrios, ein Zweitürer mit vier vollwertigen Sitzen und vier Coupés. Diese acht Prototypen erhielten den Modellnamen ‚Sagitta‘, was lateinisch ‚Pfeil‘ bedeutet und damit auf das Škoda-Markenlogo hindeutete.

Aufgrund der Transaxle-Bauweise und der schmalen Spurbreite von nur 1,05 Metern kam der Sagitta ohne Differenzial aus. Trotzdem boten die Prototypen selbst auf Schnee genügend Traktion für die 16 Zoll großen Räder. Als Leergewicht gab Škoda 580 Kilogramm an, wobei die Zuladung 280 Kilogramm betrug. Vor dem luftgekühlten Motor saß ein aus Leichtmetall angefertigter, vierblättriger Ventilator. Hinter den gerippten Zylinderköpfen verbaute man zudem Kapillar-Thermometer mit Anzeigen am Armaturenbrett, um den Fahrer jederzeit über den Temperaturhaushalt des Triebwerks zu informieren. Während beim Popular VEH-Vergaser zum Einsatz kamen, nutzte man im Sagitta modernere BFRH-Vergaser von Solex mit Luftfilter und ölgetränktem Drahtgitter. Im Ansaugkrümmer saßen Vorwärmeinheiten, was das Starten des Wagens auch bei winterlichen Außentemperaturen erleichterte. Mit 70 km/h Höchstgeschwindigkeit und rund 5,5 Litern Durchschnittsverbrauch auf 100 Kilometern konnten die Fahrleistungen mehr als überzeugen.

Von den acht gebauten Fahrzeugen existieren heute nur noch zwei. Ein braun lackiertes Coupé ist fester Bestandteil des Škoda Muzeum in Mladá Boleslav. Vor einigen Jahren erhielt es eine umfassende Restaurierung und wird seither auch für Oldtimerveranstaltungen in Europa genutzt. Zudem besitzt Škoda ein weiteres, unrestauriertes Coupé im Lager des Werksmuseums, das noch auf seine Wiedererweckung wartet. Während der Sagitta nie in Serie ging, brachte man viele Details wie das längs vor der Vorderachse angeordnete Triebwerk und den in die Motorhaube integrierten Kühlergrill beim 1938 eingeführten 995 Popular ‚Liduška‘ in Produktion. Für lediglich 17.300 tschechische Kronen stellte er das neue Einstiegsmodell in die Škoda-Familie dar, erhielt dafür allerdings einen 995 Kubikzentimeter großen, wassergekühlten Vierzylindermotor mit 16 kW/22 PS. Bis 1946 produzierte man 1.478 Exemplare.

Bilder: Škoda