Škoda 998 Agromobil

Wir schreiben 1962. Ein Jahr zuvor baute die DDR zwischen West- und Ost-Berlin die berühmte Mauer und erschuf damit einen optisch deutlichen Hinweis auf den Eisernen Vorhang, der zwischen den kommunistisch regierten Oststaaten und dem kapitalistischen Westen. Bewohnern der letztgenannten Region blieb durch diese deutliche Trennung häufig verborgen, was auf der anderen Seite im Laufe des Kalten Krieges passierte – wenige politische Entscheidungen oder Sportereignisse einmal ausgenommen. Somit verwundert es im heutigen Rückblick auch nicht, dass wohl nur wenige unserer Leser den Škoda 998 kennen, der als Prototyp 1962 in den Fahrversuch übernommen wurde. Bei der Entwicklung und Gestaltung hatten die tschechischen Ingenieure hauptsächlich an Einsätze in der Forst- und Landwirtschaft sowie bei der Armee gedacht, aber auch andere Sonderzwecke wie beispielsweise im Tagebau nicht ausgeschlossen.

Damit reihte sich der 998 nahtlos in eine lange Reihe von Fahrzeugen an, die sowohl Škoda als auch die Vorgängerfirma Laurin & Klement für diese Einsatzbereiche entwickelt hatte. Alles begann mit den Motorrädern von L&K, die mit wenigen Handgriffen und einem Lederriemen auch zum Antrieb von landwirtschaftlichen Aggregaten genutzt werden konnten. Anfang des 20. Jahrhunderts ergänzte man das Angebot um Elektrogeneratoren sowie ab 1912 mit Motorpflügen vom Typ Excelsior P4 mit L&K-Vierzylindermotoren. Dieses und spätere Modelle dienten im Ersten Weltkrieg auch der tschechischen Armee bei Erdarbeiten und als Zugmaschine für schwere Waffen. Beim Škoda-Mutterkonzern in Pilsen fertigte man derweil Landmaschinen und Traktoren mit dem bis heute bekannten Pfeil-Markenlogo. Da es auch in den späten 50er und frühen 60er Jahren in der damaligen Tschechoslowakei an kompakten, wendigen und vielseitigen Geländefahrzeugen mangelte, erhielt Škoda vom Landwirtschaftsministerium den Auftrag, entsprechende Entwicklungen einzuleiten. Ab Januar 1961 liefen daher Arbeiten unter dem Decknamen ‚Agromobil‘. Škoda hieß in dieser Phase offiziell AZNP (Automobilové závody národní podnik, übersetzt ‚Staatsbetrieb Automobilwerke‘) und arbeitete bei diesem Projekt mit dem Unternehmen ‚Česká zbrojovka Strakonice‘ (ČZ) zusammen, das sonst eher für Handfeuerwaffen, Fahrräder und Motorräder bekannt war.

Da bei Škoda die Fertigungskapazitäten ausgeschöpft waren, sollte der neue Geländewagen bei ČZ gefertigt werden. Zuvor entstanden allerdings drei fahrbereite Prototypen in Mladá Boleslav unter Nutzung zahlreicher technischer Komponenten von damaligen Škoda-Serienmodellen. Auf nur 3,47 Metern Länge und 1,70 Metern Breite erstreckte sich schließlich ein selbsttragender Pritschenaufbau mit Fahrer- und Beifahrerplatz oberhalb der Vorderachse. Dahinter standen 3,9 Kubikmeter Laderaum zur Verfügung. Alternativ gab es Versionen mit zwei längs angeordneten Sitzbänken für bis zu acht zusätzliche Passagiere. Vor dem Cockpit ließ sich die Windschutzscheibe bei Bedarf komplett umklappen, wodurch die Fahrzeughöhe von 1,94 auf 1,41 Meter sank. Kurze Karosserieüberhänge und eine Bodenfreiheit von bis zu 29 Zentimetern verhalfen dem 998 zu bestmöglichen Geländefähigkeiten.

Als Antrieb verbaute Škoda den Vierzylindermotor aus dem 1202 längs hinter der Vorderachse zwischen Fahrer- und Beifahrersitz. Aus 1,2 Litern Hubraum schöpfte der Motor 33 kW/45 PS, die über ein Viergang-Getriebe auf die Hinterachse gelangten und den 998 bis zu 89 km/h schnell machten. Bei Bedarf ließ sich die Vorderachse zuschalten. Sowohl vorn als auch hinten sorgten Sperrdifferenziale für mehr Traktion. Eine Zapfwelle am Heck konnte zum Antrieb von Agrargeräten genutzt werden. Als Leergewicht gab Škoda 936 Kilogramm an, die Zuladung betrug 800 Kilogramm. Von den ersten drei Fahrzeugen dienten zwei bei ČZ der geplanten Produktionsvorbereitung, während das dritte bei Škoda harten Fahrversuchen unterzogen wurde. Dabei legte man 29.953 Kilometer in lediglich 79 Tagen zurück, die meisten davon im Gelände. Für die militärische Prüfstelle der Tschechoslowakei entstanden weitere zehn Exemplare des 998, um wichtige Vergleichstests mit Konkurrenzprodukten zu unternehmen. Dabei übertraf der Wagen sowohl den sowjetischen GAZ 69 als auch die anderen Kandidaten. Trotzdem sorgten die zentral von der Sowjetunion gesteuerte Planwirtschaft und der geringe Einfluss der tschechoslowakischen Armee dafür, dass es nie zu einer Serienfertigung des Škoda 998 ‚Agromobil‘ kam. Im Januar 1965 machte das Musical ‚Kdyby tisíc klarinetů‘ (‚Wenn bloß tausend Klarinetten‘) als Antikriegsfilm den Wagen trotzdem bekannter. In einer Szene verfolgt ein Militärkommando mit zwei Exemplaren des 998 einen pazifistischen Deserteur. Einer der drei originalen Prototypen gehört heute zum Bestand des Škoda Muzeum in Mladá Boleslav.

Bilder: Škoda