Mercedes-Benz SLX

In den nächsten Monaten soll es endlich soweit sein: Mercedes-AMG bringt den Supersportwagen One auf den Markt. Mit rund zwei Jahren Verspätung erhalten die wartenden Kunden dann erstmals in der Markengeschichte ein Serienfahrzeug mit Mittelmotor (1934 bis 1936 entstanden zwischen zehn und 15 Exemplare des Mercedes-Benz 150 W 30) und zugleich einen Hybridantrieb der vom 2016er Formel-1-Rennwagen abgeleitet wurde. Was jedoch offenbar kaum jemand weiß ist, dass Mercedes-Benz bereits in den 1960er Jahren an einem ähnlichen Konzept arbeitete. Natürlich dachte man damals noch nicht über einen zusätzlichen Elektromotor oder adaptive Aerodynamik nach. Das Triebwerk fand sich jedoch hinter den Passagieren und der Schwerpunkt war so niedrig wie nur möglich angeordnet. Unter der Leitung der Designer Paul Bracq und Giovanni Battistella entstand der SLX als Studie. Die Idee dahinter ist ein würdiger Sportwagen-Nachfolger zum legendären 300 SL.

Mitbewerber zu GT40 und 350 GT

Dem Flügeltürer waren der deutlich kleinere und weniger potente 190 SL (W 121 B II) sowie die „Pagode“ (W 113) gefolgt. Beide waren zwar sportliche Modellreihen im Vergleich zur restlichen Mercedes-Palette. Sie konnten jedoch ihre komfortable und luxuriöse Grundausrichtung kaum verbergen. Einen veritablen Sportwagen ersetzten sie jedoch nicht. Entsprechende Fahrzeuge gab es jedoch inzwischen von anderen Herstellern wie Ferrari (250), Lamborghini (350 GT) oder Ford (GT40). Bei Mercedes-Benz überlegte man zeitweise, diesen Wagen einen Mitbewerber um die Krone der Sportwagenklasse an die Seite zu stellen. Hierfür arbeitete die Designabteilung am Projekt SLX. Die ältesten Skizzen im Konzernarchiv datieren vom Mai 1962 und zeigen einen verlängerten Pagoden-SL mit Flügeltürer-Kühlergrill. Spätere Zeichnungen zeigen einen langen Weg, der sogar Shooting-Brake-Entwürfe umfasste. Erst im Herbst 1965 stand das finale Design fest. Es wurde bis zum Frühjahr 1966 als Holzmodell im Maßstab 1:1 umgesetzt.

Weltpremiere des SLX erst 2019

Dieses Holzmodell wanderte im April 1966 in den hauseigenen Windkanal. Dort untersuchten die Designer die Formen auf ihre aerodynamischen Werte. Bereits 1965 hatte Mercedes-Benz einen Porsche 904 Carrera GTS gekauft, um sich mit dem Fahrverhalten eines Mittelmotorsportwagens vertraut zu machen. Hierfür unterzog die Versuchsabteilung unter Fritz Nallinger das Auto diversen Fahrmanövern bis in den Grenzbereich hinein. Als Nallinger Ende 1965 in den Ruhestand ging, fiel kurz darauf im Vorstand von Mercedes-Benz der Entschluss, das Projekt SLX einzustellen. Die Studie ohne Interieur rollte daraufhin in die riesige Fahrzeugsammlung und geriet beinahe in Vergessenheit, bis es 2019 auf der Techno Classica in Essen gezeigt wurde. Allerdings dienten die grundlegenden Überlegungen des SLX-Projekts drei Jahre später als Grundlage für den Wankelmotor-Sportwagen C 111. Dieses rollende Versuchslabor weckte Begehrlichkeiten bei Autosammlern in aller Welt, ging jedoch nie in (Klein-)Serie. Der Mercedes-AMG One wird somit der erste Mittelmotorsportwagen mit Stern seit dem Zweiten Weltkrieg.

Bilder: Mercedes-Benz, Matthias Kierse