Oberklassemodell im US-Stil

Volvo Philip

Auto 28.05.2020
Volvo Philip

Ein halbes Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Wirtschaft in den meisten europäischen Ländern nicht nur erholt, sondern bereits erste neue Rekordwerte erreicht. Damit stiegen Wohlstand und Wünsche bei vielen Menschen. Die Zeit der Rollermobile und Motorroller war vorüber. Selbst Kleinwagen wie der Volkswagen oder der Volvo PV444 reichten vielen Kunden nicht mehr aus. Besonders in Schweden und anderen skandinavischen Ländern etablierte sich langsam eine Szene, die sich große Straßenkreuzer aus den USA importierten. Um in dieser Zielgruppe ein Bein auf den Boden zu bekommen, begannen bei Volvo die Entwicklungsarbeiten an einem neuen, großen Modell mit Stylinganleihen aus den USA, das 1952 als Prototyp verwirklicht wurde. Verantwortlich für das Design war der damals gerade einmal 20-jährige Jan Wilsgaard, der später auch den Amazon in Form brachte. Rundscheinwerfer, dicke Chromstoßstangen und ein Dach in Kontrastfarbe mit integrierter Panorama-Heckscheibe sowie Abdeckungen vor den Hinterrädern und angedeutete Heckflossen mit kleinen Rückleuchten ließen den 'Philip' getauften Prototypen sehr nach dem 1951er Kaiser aussehen.

Unter der riesigen Motorhaube, die auch den oberen Teil der vorderen Kotflügel umfasste, saß ein eigens entwickeltes V8-Triebwerk. Unter dem Baucode B8B entstand dieser Motor mit 3,6 Litern Hubraum und 89 kW/120 PS. Für die Kraftübertragung zur Hinterachse organisierten sich die Ingenieure ein Automatikgetriebe aus Dänemark. Mit diesem Gesamtpaket hätte Volvo auch in den USA mit Sicherheit einige Kunden gefunden. Dazu kam es jedoch nie. In der Chefetage fiel die Entscheidung gegen das Projekt Philip. Der einzige Prototyp diente trotzdem jahrelang als Chauffeursfahrzeug für wichtige Gäste von Volvo und rollte schließlich mit mehr als 48.400 Kilometern auf dem Tacho ins Werksmuseum.

Bleibt noch das Geheimnis hinter dem Namen dieses Einzelstücks. Normalerweise trugen Volvo-Modelle ein Kürzel aus Buchstaben und Zahlen, aus denen eingefleischte Fans Details zu Motorisierung und Aufbau ablesen können. Bei diesem Prototyp findet sich jedoch überall in der Literatur nur der Name Philip. Die einfache Erklärung dafür liegt darin, dass in Schweden jeder Tag einen Namen trägt und bei Volvo neue Projekte intern nach dem Tag benannt werden, an dem die Arbeiten begonnen haben. So gab es auch die Projekte Bertil, Oskar oder Moses, die jedoch nie über Entwicklungszeichnungen und -pläne hinaus kamen. Während das Projekt Philip wie beschrieben ebenfalls nie in Serie ging, diente der B8B-V8-Motor als Basis für einen Lastwagenmotor sowie bei Penta für einen Bootsmotorentyp. Letzte Exemplare entstanden 1973.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Volvo, Matthias Kierse