Der indirekte Vorläufer des Phaeton

Volkswagen EA 128

Auto 10.05.2019
Volkswagen EA 128

Versetzen wir uns einmal kurz zurück an den Beginn der 60er Jahre und werfen dabei einen kritischen Blick auf das Volkswagen-Modellprogramm. 1960 von etwas vergleichbarem wie einem 'Programm' zu sprechen, ist bei drei Modellreihen (Käfer, Karmann-Ghia und Transporter) trotz der zur Verfügung stehenden Karosserievarianten eher eine großzügige Auslegung des Wortes. Ein Jahr später debütierten das Mittelklassemodell Typ 3 (1500) und der große Karmann-Ghia (Typ 34), ab 1968 gab es zudem mit dem Typ 4 (411/412) ein Fahrzeug in der oberen Mittelklasse. Allerdings gab es bereits ab etwa 1962 Planungen, um auch in die Oberklasse einzusteigen, quasi mit dem 'Typ 5'. Dieses Projekt unter dem internen Kürzel Entwicklungsauftrag (EA) 128 gelangte bis ins Prototypenstadium, wurde letztlich jedoch vom damaligen Vorstandsvorsitzenden Heinrich Nordhoff gestoppt.

Im Gegensatz zum rund 40 Jahre später entwickelten Phaeton hätte es den EA 128 nicht nur als Limousine, sondern zugleich auch als Variant gegeben. Dies wäre zugleich der erste viertürige Kombi aus Wolfsburg geworden, da es die Variant-Ableger von Typ 3 und Typ 4 ausschließlich mit zwei seitlichen Türen gab. So dauerte es bis zur Ankunft des ersten Passat Variant im Jahr 1974, ehe die Fondpassagiere bequem durch eigene Portale einsteigen konnten. Bis heute sind mindestens zwei Prototypen des EA 128 erhalten geblieben, die beide der Fahrzeugsammlung des Stiftung AutoMuseum Volkswagen in Wolfsburg gehören und beide geplanten Karosserievarianten zeigen. Optisch nimmt der Wagen die eckig eingefassten Doppelscheinwerfer des erst ab 1972 angebotenen VW 412 vorweg. An allen vier Ecken sitzen große orangefarbene Blinkleuchten, wobei es sich um baugleiche Teile vorn und hinten handelt. Spätestens beim Blick auf die kompakten Rückleuchten wird jedoch deutlich, dass der von uns abgelichtete Prototyp wohl noch nicht die endgültige Produktionsform wiedergibt. Zudem verzichtete man damals bewusst auf jegliche Markenlogos, um den 4,7 Meter langen Wagen in Ruhe testen zu können.

Interessanterweise darf der EA 128 nicht nur als Vorläufer des Phaeton gelten, sondern nahm in gewisser Weise auch den Porsche Panamera vorweg. Wie das? Nun, Volkswagen war damals vor allem dafür bekannt, dass man selbst Neuentwicklungen ausschließlich mit einem Boxermotor im Heck plante, obwohl diese Bauform auch in den 1960ern bereits als veraltet galt. Um eine Oberklasselimousine standesgemäß antreiben zu können, brauchte man jedoch ein leistungsstärkeres Triebwerk als den Vierzylinder-Boxer aus Käfer und Co. Durch die enge Zusammenarbeit mit Porsche wusste man um die dortige Neuentwicklung eines Sechszylinder-Boxermotors für den 1963 präsentierten 901, der kurz darauf zum 911 wurde. Ein solches Aggregat treibt auch den EA 128 an. Dank 90 PS aus zwei Litern Hubraum und einem Leergewicht von nur rund 1,2 Tonnen ist theoretisch eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h möglich. Teile des Fahrwerks wie die längsliegenden Drehstäbe vorn oder die Längslenker hinten entstammen ebenso dem 911.

Auch der Drehzahlmesser und der Tacho hinter dem großen Holzlenkrad sind Porsche-Fans gut bekannt. Ansonsten zeigt das Interieur des Limousinen-Prototyps eine zweifarbige Lederausstattung in beige und braun. Vorn und hinten bieten durchgehende Sitzbänke Platz für bis zu sechs Personen. Hinter der Rückbank findet sich die Möglichkeit, Kleingepäck unterzubringen, während unter der vorderen Haube der große Kofferraum sitzt. Als Reaktion auf den Chevrolet Corvair und Erweiterung des VW-Programms nach oben hätte der EA 128 möglicherweise für eine gewisse Zeit funktionieren können. Allerdings sorgten diverse Unfälle mit dem Corvair in den USA für einen schlechten Ruf von Heckmotorfahrzeugen, was schließlich auch bei Volkswagen zu neuen Überlegungen und schließlich zur modernisierten Modellpalette aus Golf, Passat, Polo und Scirocco führte. Da war das Projekt EA 128 allerdings längst im Fahrzeugdepot verschwunden.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Matthias Kierse