Über 60 Teilnahmen bei London to Brighton

Panhard-Levassor 7 hp Le Papillon Bleu

Auto 16.10.2019
Panhard-Levassor 7 hp Le Papillon Bleu

Panhard & Levassor gehört zu den ältesten Autoherstellern weltweit. Das Gründungsdatum liegt im Jahr 1886, wobei die Geschichte noch ein wenig weiter zurückreicht. 1867 kam der junge René Panhard als Ingenieur und Mitinhaber in die Firma Périn, die in Paris Holzbearbeitungsmaschinen herstellte. Fünf Jahre später gesellte sich als weiterer Ingenieur Émile Levassor hinzu, der einige Anteile von Firmengründer Jean-Louis Périn übernahm. Zwischen 1875 und 1879 entstanden erste eigene Gasmotoren für den Stationärbetrieb. 1886 verstarb Périn, wodurch die beiden Ingenieure die Firma komplett übernehmen und in 'Panhard & Levassor' umbenennen konnten. Bereits zuvor hatte man einen regen Kontakt mit der deutschen Firma von Gottlieb Daimler begonnen, der 1890 in die Lizenzfertigung von Daimler-Triebwerken führte. Diese verbaute Panhard & Levassor in eigens konstruierte Automobile, beginnend mit dem P2D mit Mittelmotor unterhalb der Rückenlehne an Rückenlehne verbauten Sitzbänke.

Nur ein Jahr später fertigte Panhard & Levassor erstmals ein Fahrzeug in der bis heute vielfach üblichen Bauweise mit Frontmotor, vor dem Motor angeordnetem Kühler, angeflanschtem Getriebe und auf die Hinterachse übertragener Kraft. Dies erfolgte damals noch per Kettentrieb. Émile Levassor hatte sich diese innovative Anordnung vor seinem Tod 1897 ausgedacht, wobei er auf Erkenntnisse von Amédée-Ernest Bollée zurückgriff. Der Wagen ging in Produktion und gilt damit unter Experten als erstes in Serie gefertigtes Auto mit Benzinantrieb. Fahrgestellnummer 3010 wurde dabei laut der erhalten gebliebenen Fertigungsunterlagen von Chevalier René de Knyff am 21. August 1901 mit einem Karosserieaufbau im Stil eines Viersitzer Tonneaus mit Heckzugang durch die Firma J. Rothschild & Fils aus Paris bestellt. Obwohl es soetwas damals noch nicht gab, darf de Knyff als Vorläufer eines Werksrennfahrers für Panhard & Levassor betrachtet werden. Er nahm zwischen 1898 und 1903 an 18 der großen Stadt-zu-Stadt-Rallyes teil und konnte fünf davon gewinnen. Zudem hatte de Knyff nach Levassors Tod einen Direktorenposten bei der Marke übernommen. Später wurde er Leiter der 'Commission Sportive Internationale', aus der viele Jahre später die FIA entstand.

Das Direktorenauto weckte bald das Interesse des passionierten Motoristen Sir Leslie Bucknall, der ihn vor den Werkstoren geparkt sah. Noch vor Ort versuchte er den Wagen zu erwerben, was von Chevalier René de Knyff anfänglich freundlich und nach drängendem Nachfragen von Bucknall schließlich mit einer deutlichen Ansage beantwortet wurde: "Wenn Sie mich weiterhin zu einem Verkauf zwingen wollen, werden Sie das Auto nur zu einem Preis weit über dem Wert erhalten." Tatsächlich bot ihm Bucknall daraufhin den doppelten Fahrzeugpreis und man wurde sich handelseinig. Nachdem der Wagen auf Achse nach Großbritannien überführt war, musste Herr Bucknall schließlich noch seine Frau von dem Kauf überzeugen. Dies gelang offensichtlich sehr gut, denn kurz darauf 'taufte' die kleine Tochter Vivienne den hellblau lackierten Panhard & Levassor feierlich mit einer Flasche des besten Champagners, wobei kein Tropfen den Wagen berühren durfte. Anschließend brachte man ein speziell angefertigtes Namensschild vorn an, das bis heute den Namen 'Le Papillon Bleu' zeigt.

Trotz dieser ungewöhnlichen Ankaufsgeschichte, bot Sir Bucknall den Panhard & Levassor bereits kurze Zeit später über eine Zeitungsannonce in 'The Autocar' zum Verkauf an. Bis in die 1920er Jahre verschwand Le Papillon Bleu aus der Öffentlichkeit. Am 17. April 1925 schickte H. Wallace Simpson ein aktuelles Foto an die Autocar, um anzufragen, ob dies das älteste Auto auf den Straßen Großbritanniens sei. Kurz darauf übernahm G. Roger Wakeling den Wagen und meldete ihn für das erste Erinnerungsrennen von London nach Brighton im Jahr 1927 an. Unter dem Motto 'The Old Crocks Run' (die alten Töpfe laufen) traten 51 Fahrzeuge aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg an. Le Papillon Bleu nahm auch im Folgejahr 1928 und seither bei mehr als 60 Ausgaben des London to Brighton Run teil. Es folgten diverse weitere Besitzer, wobei der aktuelle den Wagen vor 27 Jahren übernahm. Nun bietet er den Panhard & Levassor über das Auktionshaus Bonhams am Wochenende des diesjährigen London to Brighton Run an, wobei der Höchstbieter theoretisch die Chance hätte, am nächsten Tag direkt teilzunehmen. Die notwendigen Unterlagen sind bereits ausgefüllt und gehören zum Fahrzeug dazu. Bonhams erwartet zwischen 230.000 und 290.000 Euro.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Bonhams, Veteran Car Run