Wiederbelebung gescheitert

Packard Twelve Concept

Auto 10.06.2020
Packard Twelve Concept

In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in den USA einige namhafte Autohersteller, deren Modelle sich ohne Zweifel mit europäischen Luxusmarken wie Bentley, Rolls-Royce, Maybach und Horch messen konnten. Dazu zählte unter anderem eine 1899 von zwei Brüdern und einem gemeinsamen Geschäftspartner in Warren (Ohio) gegründete Firma, die ab 1902 ihren bekannten Namen trug: Packard. Schnell machte man sich einen Namen für diverse Innovationen wie das bis heute in seiner Grundform unveränderte Lenkrad oder 1915 den ersten Zwölfzylindermotor der Automobilgeschichte, der auf einem Flugzeugtriebwerk basierte. Bis zum Zweiten Weltkrieg etablierte sich Packard in der Luxusklasse, musste 1942 jedoch vollständig auf die Produktion von kriegswichtigen Gütern umstellen. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Flugzeugmotoren. Nach Kriegsende stand man dadurch zwar finanziell gut da, konnte jedoch aufgrund diverser Management-Fehlentscheidungen nicht lange davon profitieren. So hatte man es versäumt neue Modelle zu entwickeln und versuchte stattdessen durch kleine Facelifts das Vorkriegsmodell Clipper weiterhin zu verkaufen. Den größeren Senior konnte man gerüchteweise nicht weiter anbieten, da die nötigen Presswerkzeuge jahrelang ungeschützt draußen im Fabrikshof lagerten und nicht mehr zu gebrauchen waren.

Es dauerte bis 1951, ehe ein neues Fahrzeug fertig entwickelt war. Dieser Fakt und die eher ungewöhnliche Karosserieform, die man als Modellpflegemaßnahme für das alte Fahrgestell einführte, brachten Packard ins Hintertreffen gegenüber der Konkurrenz wie Cadillac, obwohl man ab 1949 als zweite US-Marke optional ein Zweigang-Automatikgetriebe namens 'Ultramatic' anbot. Die Entwicklungskosten für dieses Getriebe sorgten jedoch auch dafür, dass kein Geld für einen modernen V8-Motor anstelle des alten Reihenachtzylindertriebwerks vorhanden war. Am 1. Oktober 1954 kaufte Packard schließlich den angeschlagenen Kontrahenten Studebaker. Zeitweise gab es auch Pläne zu einer Verschmelzung mit Nash und Hudson, um den viertgrößten Autokonzern der USA hinter Ford, GM und Chrysler zu begründen. Studebaker brauchte große finanzielle Summen und stellte damit auch das Überleben von Packard in Frage. Zudem kaufte Chrysler den bisherigen Karosserielieferanten Briggs, wodurch Packard die Aufbauten bei einem kleinen Betrieb in Detroit anfertigen lassen musste, der nicht die gewünschte Qualität und Menge liefern konnte. 1957 stellte man die Produktion in Detroit ein und bot stattdessen einen umgelabelten Studebaker als Packard Clipper an. Kunden und Händler hießen diese Entscheidung nicht gut. Auch das neue Kompaktmodell Lark konnte nicht mehr überzeugen, Packard musste die Tore schließen - ebenso wie Nash, Hudson, DeSoto, Kaiser und Edsel.

Obwohl Studebaker finanziell angeschlagener in die Kooperation mit Packard gegangen war, hielt sich die Marke noch deutlich länger. Im Konzernnamen hielt sich der einst große Markenname noch bis 1962. Auch die Versuche einiger Enthusiasten, den Facel-Vega Excellence in den USA als Packard anzubieten, scheiterten, nachdem Mercedes-Benz sich aus einer Kooperation mit Studebaker-Packard (SPC) zurückzog. Bis zu dieser Idee hatte die deutsche Marke das Händlernetzwerk von SPC genutzt, um in den USA bekannter zu werden und mehr Fahrzeuge zu verkaufen. Der französisch-amerikanische Wagen hätte jedoch nach Meinung der Schwaben ihr eigenes Modellprogramm zu sehr angegriffen. Durch den Wegfall des Namensteils Packard schloss sich das automobile Kapitel dieser großen Luxusmarke. Erst in den 1990er Jahren gab es Bestrebungen einer Wiederbelebungen unter Leitung des Unternehmers und Ingenieurs Roy Gullickson, der 1993 die Namensrechte aufkaufte. Er plante bis zu 2.000 Exemplare seiner neu entwickelten Luxuslimousine Packard Twelve pro Jahr zu verkaufen.

Im Oktober 1998 stand der erste Prototyp des Twelve bereit und wurde bei einem Treffen des Arizona Packard Clubs erstmals präsentiert. Während Gullickson gemeinsam mit Lawrence Johnson, einem weiteren Maschinenbauingenieur, die technische Basis des Twelve mit einem 8,6 Liter großen V12-Triebwerk mit 573 PS, Viergang-Automatikgetriebe und permanentem Allradantrieb legte, gestaltete ein Designerteam unter Leitung von Don Johnson die Limousinen-Karosserie aus Aluminium über einem Aluminium-Spaceframe. Offiziell versprach man in ersten Pressemitteilungen und Broschüren eine Beschleunigungszeit aus dem Stand auf 60 mph (96 km/h) in 4,8 Sekunden sowie eine Viertelmeilenzeit von 12,5 Sekunden - als ob jemand wirklich mit solch einer Limousine auf den Dragstrip fahren würde. Zur Serienausstattung zählten neben feinsten Lederpolstern auf den elektrisch verstellbaren Sitzen ein CD-Wechsler-Radio, handgefertigte Walnussholz-Dekorblenden, eine Klimaautomatik sowie elektrische Fensterheber. Da Gullickson jedoch alsbald das Geld ausging, kam es nie zu einer Serienfertigung des Twelve. Stattdessen versteigerte RM Sotheby's den einzigen fahrbereiten Prototyp 2014 bei einer Auktion in Detroit für US$ 143.000.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: RM Sotheby's, Patrick Ernzen