Der letzte Horch war ein Sachsenring

Horch P 240

Auto 13.09.2018
Horch P 240

Der Markenname Horch hat bis heute einen guten Klang in der automobilen Welt. Vor dem Zweiten Weltkrieg stellte die Marke hochwertige Luxusfahrzeuge her, die von hochrangigen Persönlichkeiten in aller Welt geschätzt wurden. Durch die politischen Veränderungen der Nachkriegszeit befand sich das Werk in Zwickau nun jedoch im russisch-kontrollierten Ostsektor. Somit war es mit großen Achtzylinder-Limousinen erst einmal vorbei. Der 'Arbeiter- und Bauernstaat' verlangte eher nach kompakten Fahrzeugen. Dennoch erfolgte am 13. September 1953, also exakt vor 65 Jahren, ein Entwicklungsauftrag vom DDR-Ministerium für Maschinenbau an das ehemalige Horch-Werk, das inzwischen unter 'VEB Horch Kraftfahrzeug- und Motorenwerke Zwickau' firmierte.

Dieser Auftrag umfasste einen repräsentativen PKW mit einem Sechszylinder-Reihenmotor, der zuvor für einen Militärwagen im ehemaligen Wanderer- und Auto-Union-Werk in Siegmar bei Chemnitz entwickelt worden war. Von der Auftragsvergabe bis zur Fahrzeugpräsentation verging nur knapp ein Jahr. Allerdings handelte es sich bei den beiden P 240, die Walter Ulbricht zu seinem Geburtstag am 30. Juni 1954 vorgeführt wurden, noch um Versuchsmuster. Die Serienversion stand schließlich auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1956 und erhielt zusätzlich den Namen der nahe dem Werk gelegenen Rennstrecke 'Sachsenring'. Kurz darauf startete die Produktion des Horch P 240 Sachsenring als Limousine, Kombi und Cabriolet. Die Kombis waren jedoch ausschließlich für den 'Deutschen Fernsehfunk' als Filmwagen vorgesehen und begleiteten beispielsweise Sportveranstaltungen, um live zu übertragen. Im sehenswerten August Horch Museum in Zwickau steht ein solches Fahrzeug beispielhaft in einem Diorama des Fahrradrennens 'XI Friedensfahrt'.

Allerdings hatte man in Zwickau die Rechnung ohne international geltende Markenrechte gemacht. Da die Auto Union weiterhin existierte, lagen hier auch die Rechte am Namen Horch, was unzweifelhaft geltend gemacht wurde. Somit erfolgte 1957 die Umbenennung des Herstellers in die 'VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerke Zwickau'. Auch die Limousinen hießen nun Sachsenring P 240 mit eigenständigen Logos anstelle des gekrönten H aus alten Horch-Tagen. Stattdessen prangte auf der Motorhaube ein Emblem, das später durch den Trabant berühmt wurde: Ein kursives S in einem Kreis. Zu den markenrechtlichen Differenzen kamen deutliche Kinderkrankheiten des Fahrzeugs, die auf den überhasteten Entwicklungsprozess zurückzuführen waren. So war der P 240 eigentlich noch in einem sehr frühen Stadium, als er Ulbricht bereits vorgeführt wurde. Damit geschah es jedoch, dass diverse Details 'von ganz oben' abgenickt wurden, die noch lange nicht ausgereift waren.

Da die Limousine nur für Behörden wie beispielsweise die Staatssicherheit (Stasi) gedacht war und ansonsten nur wenigen wichtigen Persönlichkeiten angeboten wurde, waren derartige technische Mängel umso tragischer. Außerdem sollten Limousine und Cabriolet eigentlich exportiert werden, um wichtige Devisen zu erhalten. So plante man ursprünglich, zwischen 6.000 und 9.000 Autos jährlich zu bauen - völlig unrealistisch auch im Blick auf die mangelhafte Zusammenarbeit mit den Zuliefererbetrieben und der schwierigen Materialversorgung. Letztlich war der Import des GAZ M-21 Wolga aus Russland kostengünstiger als die weitere Fertigung des P 240. Zwischen 1956 und 1959 entstanden insgesamt lediglich 1.382 Exemplare, von denen heute lediglich noch 25 Limousinen bekannt sind.

Der 2,4 Liter große Reihen-Sechszylindermotor gelangte später in den IFA P3, einen Geländewagen für die Nationale Volksarmee (NVA) und die DDR-Grenztruppen. Bis 1971 entstanden Ersatzteile für dieses Triebwerk. Zehn Jahre nach dem Produktionsstopp des Sachsenring P 240 wurden dessen Pläne wieder hervorgekramt, da für die NVA ein Paradefahrzeug gebraucht wurde. Auf dem nahezu unveränderten Fahrgestell des P 240 entstand im VEB Karosseriewerk Dresden ein viertüriges Cabriolet, das ebenfalls den Sechszylindermotor unter der Haube trug. Dieser erhielt durch kleine Modifikationen etwas Mehrleistung. Angeblich nutzte man hierfür Fahrgestelle, die im Horch-Werk nie vervollständigt wurden und seither ungenutzt im Lager lagen. Andere Quellen gehen von Umbauten auf Basis der viertürigen P 240 Cabriolets aus, die bis dahin als Paradefahrzeuge genutzt wurden. Insgesamt entstanden mindestens zwei und bis zu fünf Fahrzeuge unter dem Namen Sachsenring P 240 Repräsentant mit moderner Kunststoffkarosserie im zeitgenössischen Design. Heute steht ein Wagen im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden und ein zweiter im August Horch Museum Zwickau.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Matthias Kierse