Luxusautomobil aus Barcelona

Hispano-Suiza T49 Tourer

Auto 10.10.2019
Hispano-Suiza T49 Tourer

Während heutzutage zwei Firmen unabhängig voneinander an einer Wiederbelebung der einst großen Marke Hispano-Suiza arbeiten, gehörte diese Firma vor dem Zweiten Weltkrieg zu den Anbietern absoluter Luxusfahrzeuge. Der Name wurde in einem Atemzug mit Rolls-Royce, Horch, Maybach, Mercedes-Benz, Isotta-Fraschini, Delage, Bugatti und Delahaye genannt. Betrachtet man den Markennamen genau, so fällt auf, dass hier zwei Länder vorkommen: Hispano (Spanien) und Suiza (Schweiz). Dies drüc Der Firmensitz befand sich im spanischen Barcelona und Firmengründer war der Schweizer Marc Birkigt. Er arbeitete von 1904 bis zum Ende der PKW-Fertigung in den späten 1930er Jahren als Technischer Direktor und verantwortete damit alle Neuentwicklungen. Zusätzlich zur Hauptfabrik in Barcelona entstand 1911 erst im französischen Levallois und aufgrund von zu kleinen Räumlichkeiten bereits zwei Jahre später im größeren Maßstab im benachbarten Bois-Colombes ein Zweigwerk für die Autoproduktion. Ab 1914 fertigte man dort auch Flugzeugmotoren. Diese Sparte gliederte man in den 20ern in eine eigenständige Tochterfirma aus, die auch nach dem Ende der Fahrzeugproduktion weiter existierte und 1968 im französischen Aeronautik-Konzern SNECMA aufging. Gleichzeitig ermöglichte diese Fertigungsstätte die weitere Autoproduktion nachdem das Franco-Regime die Fabrikation in Barcelona ab 1936 auf Kriegswaffen für den Spanischen Bürgerkrieg umstellte. Zwei Jahre später verließ Marc Birkigt das von ihm gegründete Unternehmen und baute in der Schweiz die Firma Hispano-Suiza (Suisse) auf, die ebenfalls in die Fertigung von Kriegswaffen, hauptsächlich für die Alliierten im Zweiten Weltkrieg, einstieg und in den 60ern in den HS-30-Skandal der Deutschen Bundeswehr verwickelt war.

Doch zurück zur Automarke Hispano-Suiza. Von 1902 bis 1904 gab es eine Kurzepisode der Firma 'J. Castro Sociedad en Comandita, Fábrica Hispano-Suiza de Automóviles', die vom Bankier Juan Castro und Marc Birkigt gemeinsam in Barcelona betrieben wurde, aber nach nur acht gebauten Autos konkurs ging. Daraufhin traten der Rechtsanwalt Damiá Mateu und Francisco Seix Zaya als neue Finanziers auf den Plan und begründeten gemeinsam mit Marc Birkigt die 'Hispano-Suiza, Fabrica de Automóviles S.A.'. Rückendeckung erhielten sie dabei vom jungen, autobegeisterten König Alfonso XIII., dem man 1910 das Modell T15 Alfonso XIII. widmete. Der König selbst erhielt ein Exemplar mit 3,6 Liter großem, 44 kW/60 PS starken Vierzylinder-Triebwerk, während die rund 500 Serienfahrzeuge lediglich 3,4 Liter Hubraum und eine Leistung von 37 kW/50 PS aufwiesen. Trotzdem erreichte man mit diesem Typ bereits 130 km/h Höchstgeschwindigkeit. 1919 erschien der H6 mit einem 6,6 Liter großen Reihensechszylindermotor, in dessen Entwicklung diverse Erkenntnisse aus dem Flugmotorenbau geflossen waren. So nutzte man eine obenliegende Nockenwelle, Leichtmetallkolben in im Aluminiumblock eingeschraubten Zylinderlaufbuchsen aus Stahl und eine Doppelzündung, was zu 135 PS führte. Die ersten Exemplare kamen noch ohne Stoßdämpfer aus. Im Laufe der Folgejahre kamen weitere Modelle mit immer weiter vergrößerten Triebwerken auf den Markt. Unterhalb des erfolgreichen H6 gab es zudem den T48 mit vier Zylindern und ab 1924 den T49 mit einem 3,8 Liter großen Sechszylindermotor, der technisch eng mit dem H6-Triebwerk verwandt war.

Trotz der kleineren Motorgröße und lediglich 90 PS Spitzenleistung war auch der Hispano-Suiza T49 ein Automobil der Luxusklasse. Neben Mitgliedern der spanischen Königsfamilie und wichtigen Persönlichkeiten aus Spanien griffen auch im restlichen Europa und weiteren Teilen der Welt Kunden begeistert zu. So gingen einige T49 an indische Maharadschas. Von vermutlich rund 900 gebauten Fahrzeugen sind heute weniger als 30 noch bekannt. Hyman Ltd. in den USA bietet aktuell einen T49 mit einem bis zu siebensitzigen Tourer-Aufbau an. Diese Zählung der Sitzplätze resultiert aus zwei im Fond-Boden versenkbaren Zusatzsitzen. Erstbesitzer war die argentinische Regierung, wodurch nicht auszuschließen ist, dass dieser Hispano-Suiza dem damaligen Präsidenten Hipolito Yrigoyen als Transportmittel diente. Der Karosserieaufbau erfolgte bei der Firma 'Carroceria V. Marrugat y Cia' in Buenos Aires. Nach dem Fall der Regierung Yrigoyen stieß die Nachfolgeregierung den Wagen ab, woraufhin er bis 1955 aus der Öffentlichkeit verschwand.

Ein leitender amerikanischer Mitarbeiter der Texaco Oil Company entdeckte den Hispano-Suiza schließlich während seines Aufenthaltes in Argentinien in einer Scheune. Irgendwie gelang es ihm, den Wagen in die USA zu exportieren. Erneut verliert sich für rund 30 Jahre jede Spur des T49, bis er Mitte der 80er in komplett zerlegtem Zustand in der Sammlung von Richard Askern in Indianapolis wieder auftauchte. Er versuchte sich über ein Jahrzehnt lang an einer privaten Restaurierung, gab jedoch 1998 auf und verkaufte die Teilesammlung über eine Annonce in der Hemmings Motor News. Dieses entdeckte der heutige Besitzer und erwarb alle Bestandteile des Puzzles mit dem Ziel, wieder ein fahrbares Auto daraus zu bauen. Es folgte eine mehrere Jahre andauernde Restaurierung, zu deren Zweck immer wieder nach Informationen und Ersatzteilen gesucht werden musste. Das Sechszylinder-Triebwerk zerlegte man dabei ebenso bis zur letzten Schraube wie das Fahrgestell und die Karosserie. Beim automobilen Schönheitswettbewerb in Bettendorf/Iowa erhielt der fertiggestellte Hispano-Suiza einen AACA National First Prize, gefolgt von einem People's Choice Award beim Dayton Concours d'Elegance im selben Jahr und einem Distinction Award beim Cincinnati Concours 2018, wodurch die hohe Restaurierungsqualität eindrucksvoll untermauert wurde. Passend zur Karosserie im Farbton 'Birkigt Blue' zeigen sich die ausladenden Kotflügel in Schwarz und das Stoffdach sowie die seitlichen Steckscheiben in hellem Beige. Hyman Ltd. verlangt für diesen wohl einmaligen Hispano-Suiza T49 Tourer einen Preis in Höhe von 189.500 US-Dollar.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Hyman Ltd.