Sportlicher Kabinenroller

FMR Tg 500

Auto 17.10.2019
FMR Tg 500

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland eine Zeit des Wiederaufbaus. Man hatte den Krieg verloren, unter der Nazi-Herrschaft gelitten und musste vielerorts Trümmer räumen, um neue Behausungen, Büros und Fabriken zu erbauen. Für Automobile war wenig Zeit und noch weniger Geld da. Mit viel Glück konnte man sich ein Fahrrad, ein Mofa oder vielleicht sogar ein Motorrad leisten. Erstaunlicherweise entwickelte sich die deutsche Wirtschaft blendend und ermöglichte vielen Menschen einen besseren Lebensstandard. So wuchs natürlich auch der Wunsch nach überdachten Fahrzeugen, um nicht mehr so stark den Naturgewalten ausgesetzt zu sein. In diversen europäischen Ländern gab es zudem Fahrzeugkategorien, die mit kleinen Führerscheinklassen oder sogar ganz ohne Lizenz gefahren werden durften sowie steuerlich begünstigt waren. Somit begannen in den 1950er Jahren die Zeit der Mikroautos vom Schlage BMW Isetta, Zündapp Janus, Brütsch Mopetta, Heinkel Kabine, Fuldamobil, Piaggio Ape, Peel P50 oder der Messerschmitt Kabinenroller. Häufig nutzten diese Rollermobile, wie der Name schon sagt, die Motoren und Getriebe von Motorrollern.

Auch Fritz M. Fend beteiligte sich an der Entwicklung derartiger Fahrzeuge, obwohl sein einsitziger Fend Flitzer ursprünglich ausschließlich für Behinderte und im Krieg Versehrte vorgesehen war. Zwischen August 1948 und Dezember 1951 entstanden 282 Exemplare in Rosenheim. Aufgrund des steigenden Interesses schloss Fend seine eigene Firma und wandte sich an die Messerschmitt AG, die im Krieg Flugzeuge produziert hatte, während nun die Produktionshallen aufgrund des Verbots zum Bau von Flugzeugen durch die Alliierten leerstanden. Willy Messerschmitt ließ den Fend Flitzer von einem zehnköpfigen Team unter Leitung von Fritz M. Fend zum Zweisitzer weiterentwickeln und 1952 einige Prototypen unter der Bezeichnung FK 150 (Fend-Kabinenroller mit 150 Kubikzentimetern Hubraum) herstellen. Die serienreife Version debütierte schließlich als Messerschmitt KR 175 auf dem Genfer Autosalon 1953, wobei das KR für Kabinenroller und die Zahl für den auf 173 Kubikzentimeter vergrößerten Einzylindermotor von Fichtel & Sachs mit 9 PS Spitzenleistung standen. Das reichte aus, um das Fahrzeug mit seinen zwei Rädern vorn und einem hinten unter dem Motor sowie den beiden hintereinander angeordneten Sitzplätzen auf bis zu 80 km/h zu beschleunigen. Über die schlanke, aerodynamisch günstige Karosserie erstreckte sich eine zur Seite aufklappende Plexiglashaube. Anstelle eines Lenkrads gab es eine gebogene Lenkstange, an der anfänglich ein Drehgasgriff zu finden war, während die Kupplung am Schalthebel bedient wurde. In späteren Baujahren modifizierte man den Kabinenroller auf klassische Pedalerie. Allerdings blieb es dabei, dass der Rückwärtsgang nur über einen Hebel an der Lenksäule aktiviert werden konnte, da hierzu ein Zusatzgetriebe nötig war.

Nachdem das Flugzeugbauverbot aufgehoben worden war, erhielt Willy Messerschmitt ab 1956 wieder viele Aufträge und sah sich schließlich gezwungen, die Autoproduktion einzustellen. Er hatte jedoch bereits die Fertigung ins Zweigwerk Regensburg ausgelagert und übergab dieses an die neu gegründete Firma FMR (Fahrzeug- und Maschinenbau Regensburg GmbH), die durch Fritz M. Fend und Valentin Knott 1957 als Nachfolgefirma des Regensburger Stahl- und Maschinenbau begründet wurde. Hier lief nun der bereits 1955 zum KR 200 weiterentwickelte Wagen bis 1964 vom Band, der aus 191 Kubikzentimetern 10,2 PS schöpfte. Neben der normalen Variante mit Plexiglashaube gab es auch eine Cabrio-Limousine mit Stoffverdeck über den Köpfen der Passagiere und eine Roadster-Variante ohne Verdeck sowie die Sparversion KR 200 Sport ohne Klappeinstieg und mit Kunststoff-Frontscheibe. Anstelle des Zusatzgetriebes für den Rückwärtsgang ließ man nun einfach den Motor in umgekehrter Laufrichtung an, wodurch man das manuelle Viergang-Getriebe auch bei der Rückwärtsfahrt nutzen konnte. Alternativ war optional ein manuell zuschaltbarer Rückwärtsgang erhältlich. Für 1957 entwickelte FMR als zusätzliches Angebot den Tg 500, der eigentlich den Modellnamen Tiger tragen sollte. Diesen hatte sich allerdings bereits die LKW-Marke Krupp schützen lassen. Trotzdem hat sich bis heute der Name Tiger für diese Variante im Volksmund durchgesetzt.

Der Tg 500 verfügte über einen Zweizylinder-Zweitaktmotor von Fichtel & Sachs mit 494 Kubikzentimetern Hubraum und 19,9 PS sowie 33,3 Newtonmetern Drehmoment. Diese gelangten auf nun zwei Hinterräder mit der gleichen Spurweite wie sie auch die Vorderachse und rundum zehn Zoll große Räder aufwies. Somit waren bis zu 130 km/h Höchstgeschwindigkeit erreichbar, was lediglich 15 Stundenkilometer weniger als beim Porsche 356 1300 waren. Aufgrund seines relativ hohen Preises entstanden bis 1961 jedoch lediglich rund 300 bis 400 Exemplare, auch wenn zeitgenössische Quellen von bis zu 950 Fahrzeugen sprachen. Eines davon mit der Fahrgestellnummer 20655 wurde 2005 als abgebrochene Restaurierung vom heutigen Besitzer übernommen und anschließend in Eigenarbeit wieder aufgebaut. Erst in diesem Jahr konnte er die Arbeiten beenden. Nun bietet er den FMR Tg 500 über das Auktionshaus Bonhams beim Bond Street Sale in London am 7. Dezember an. Dabei erwarten Experten einen Zuschlagspreis zwischen 140.000 und 180.000 Euro.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Bonhams