Royale Limousine mit geringem Preis

Daimler DS420

Auto 27.03.2020
Daimler DS420

Wenn Filme mit der königlichen Familie Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt werden, kommt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als fahrbarer Untersatz entweder ein Rolls-Royce oder unser heutiges Themenfahrzeug vor. Es handelt sich um den Daimler DS420, der ab 1968 in Handarbeit gefertigt wurde. Als technische Basis diente der Jaguar Mark X in der Facelift-Version 420 G. Dank aufwändiger Hinterachskonstruktion und seidenweich laufendem Reihensechszylinder-Motor passte der Wagen perfekt in die Welt der repräsentativen Fahrzeuge. Dieser entwickelt aus 4,2 Litern Hubraum zwar lediglich 137 kW/186 PS, beschleunigt die große Pullman-Limousine durch eine Dreigang-Automatik trotzdem auf bis zu 180 km/h Höchstgeschwindigkeit. Allerdings entstand dieses Fahrzeug auch nie zum Schnellfahren, sondern eher als repräsentatives Auto für Regierungschefs oder königliche Häuser. Während der Produktionszeit nutzten neben Queen Elizabeth II und ihrer Familie auch König Frederik IX von Dänemark sowie dessen Tochter Königin Margarete II, Fürst Rainier III von Monaco, König Hussein von Jordanien, Großherzog Jean von Luxemburg, Sultan Quabus ibn Sa’id Al Sa’id von Oman, König Yahya Petra Ibni Almarhum Ibrahim von Malaysia, Sultan Hassanal Bolkiah von Brunei sowie König Carl XVI. Gustav von Schweden diesen Daimler. Tatsächlich nutzen neben Großbritannien auch die royalen Familien in Schweden, Dänemark und Luxemburg bis heute den DS420.

Im Juni 1968 ersetzte Daimler mit diesem Modell den DR450, das letzte Daimler-Fahrzeug ohne Jaguar-Technik. Für die einstmals sehr exklusive britische Marke waren nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich schwierige Zeiten angebrochen. Bei den großen Limousinen übernahm Konkurrent Vanden Plas die Führungsposition und der Versuch in preisgünstigeren Bereichen Fuß zu fassen scheiterte ebenso. Daher verkaufte die BSA-Gruppe 1960 Daimler an Jaguar, wo aus der Oberklasselimousine Majestic Major kurzerhand der um mehr als einen halben Meter verlängerte DR450 als neues Repräsentationsfahrzeug wurde. Mit dem DS420 integrierte man die Marke endgültig ins Jaguar-Programm und nutzte vor allem endlich auch Gleichteile, was die Fertigungskosten deutlich reduzierte. Das eigenständig entwickelte Design nahm im Heckbereich Bezug auf einige Luxuslimousinen der Karosseriebaufirma Hooper Coachbuilders. Innen bot der Wagen stets Platz für bis zu sieben Personen, da mittig im Fond zwei Zusatzsitze aus der Trennwand geklappt werden konnten. Eine verkürzte, fünfsitzige Variante kam nie über den Planungsstatus hinaus. Dafür entstanden 1973 zwei Landaulets mit einem zurückklappbarem Stoffverdeck über den hinteren Sitzen. Überdies bauten diverse Karosseriebaufirmen den DS420 zu Leichenwagen um.

Während Daimler also inzwischen zu Jaguar gehörte und diese Marke ihrerseits seit 1968 Teil von BMC (British Motor Corporation), war auch der einstige enge Konkurrent Vanden Plas im BMC-Konzern aufgegangen. So erklärt sich auch, dass Jaguar die Rohkarosserien des Daimler DS420 als Auftragsarbeit zu Vanden Plas schicken konnte, um dort die Lackierung und den Einbau des Interieurs erledigen zu lassen. Als 1980 Vanden Plas endgültig geschlossen wurde, übernahm Jaguar die komplette Fertigung im Stammwerk in Coventry. Ähnlich wie beim Mercedes-Benz 600 war auch die Laufzeit des DS420 deutlich länger als bei normalen Alltagsautos. Zwischen 1968 und 1992 entstanden trotzdem lediglich 5.043 Exemplare, von denen 927 mit Spezialkarosserien versehen wurden. Mit der Produktion endete auch die Fertigung des klassischen XK-Sechszylindermotors.

Hyman Ltd. bietet aktuell ein schönes Exemplar des Daimler DS420 aus dem Baujahr 1976 an. Dieser Wagen verließ am 29. Juni das Werk und wurde noch im gleichen Jahr über den Händler Reeve & Stedeford in Birmingham an den Erstbesitzer Nick Taylor ausgeliefert. Dieser ließ den Wagen Ende der 1970er an Bord der Queen Elizabeth II in die USA verschiffen, wo er mit dem Daimler eine Rundreise unternehmen wollte. Noch an Bord traf er allerdings den Großvater des heutigen Besitzers, kam mit ihm auch auf das Thema Autos zu sprechen und verkaufte ihm schließlich 1980 diesen DS420. Seitdem blieb die Limousine in Familienbesitz. Die Originallackierung in Schwarz wurde im Laufe der Zeit um den abgesetzten unteren Bereich in Claret (dunkelrot) ergänzt, blieb ansonsten aber ebenso erhalten wie das Interieur in olivefarbenem Leder. Zur gewählten Ausstattung gehörten eine Klimaanlage, elektrische Fensterheber und eine spezielle Konsole im Fond mit integriertem Radio und Kabinett für Gläser und Karaffen unter dem oberen Deckel. Sie ist ebenso wie das Armaturenbrett und andere Details in Wurzelholz ausgeführt. Zum Fahrzeug erhält der Käufer die originalen Handbücher, Service-Dokumente, einen Werks-Ersatzteilkatalog sowie ein Zertifikat des Jaguar Daimler Heritage Trust. Beim Verkaufspreis von lediglich US$ 36.500 kann man durchaus von einem günstigen Einstieg in die Welt royaler Autos sprechen.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Hyman Ltd.