Angriff auf das Establishment

80 Jahre Opel Kapitän

Auto 17.09.2018
80 Jahre Opel Kapitän

Um Opel wurde es dieses Jahr relativ still. Den Genfer Autosalon ließ man aus und auch auf der Pariser Automesse Anfang kommenden Monats wird man die Rüsselsheimer Autos vergeblich suchen. Seit der Übernahme durch den PSA-Konzern im vergangenen Jahr werden hinter den Kulissen diverse Parameter neu formatiert, um die vielen Jahrzehnte unter General Motors vergessen zu machen. Was jedoch unvergessen bleibt, ist die reichhaltige Modellgeschichte. Es gab tatsächlich Zeiten, in denen Opel bessere Verkaufszahlen als Mercedes-Benz aufweisen konnte - und das nicht nur mit Kompakt- und Mittelklassefahrzeugen, sondern sogar in der heiß umkämpften Liga des Chefparkplatzes, also der Oberklasse. 1928 hatte Opel mit 44 Prozent den größten Marktanteil aller Marken im Deutschen Reich. Trotzdem verkauften die Gebrüder Wilhelm von Opel und Friedrich Opel, Söhne des Firmengründers, ein Jahr darauf 80 Prozent der Firmenanteile an General Motors. Die verbliebenen 20 Prozent folgten bis 1931. Gleichzeitig blieben die Verkaufszahlen jedoch unverändert hoch. Bis in die späten 1930er Jahren erschien allerdings trotz entsprechender Vorgängermodelle kein Opel-Modell in der Oberklasse.

1937 rollte der neue Admiral zu den Händlern, ein Jahr später folgte knapp darunter die erste Kapitän Limousine. Während der Admiral nach nur zwei Produktionsjahren wieder eingestellt wurde und erst in den 1960ern zurückkehrte, blieb der Kapitän als Spitzenmodell für 42 Jahre im Programm - unterbrochen nur durch den Zweiten Weltkrieg. Von 1938 bis 1940 und anschließend von 1948 bis 1951 zeigte sich der Kapitän im Art-Déco-Stil mit betonten, aber an die Karosserie angelegten Kotflügeln inklusive integrierten Scheinwerfern und reichlich Chromzierrat. Erstmals kam im deutschen Automobilbau eine selbsttragende Stahlkarosserie zum Einsatz. Opel bot den Wagen werksseitig vor dem Krieg als zwei- oder viertürige Limousine sowie als viersitziges Cabriolet an. Hinzu kamen einige wenige Zweisitzer-Cabrios von Gläser oder Hebmüller sowie weitere Sonderkarosserien. In nur neun Monaten entstehen bis zum Krieg 25.374 Fahrzeuge, davon 4.563 Cabriolets und 248 Fahrgestelle für Sonderaufbauten.

Nach dem Krieg fertigte man in Rüsselsheim 13.036-mal ausschließlich die viertürige Limousine mit kleinen Modifikationen, wie runden Scheinwerfern, neuen Radkappen und veränderten Stoßstangen. 1950 folgten nochmal ein paar Verbesserungen wie ein neues Armaturenbrett mit Lenkradschaltung. Von dieser Variante entstanden weitere 17.470 Exemplare. Angetrieben wurde der Kapitän vor und nach dem Krieg von einem 40 kW/55 PS starken Reihensechszylindermotor mit 2,5 Litern Hubraum, den man aus dem Modell Super 6 übernommen hatte. Damit erreichte die Limousine 126 km/h Höchstgeschwindigkeit. Somit war der Kapitän nicht nur optisch und bei der Ausstattung ein Luxusfahrzeug für aufsteigende Firmenchefs und wohlhabende Familien, auch die Technik konnte diesem Anspruch genügen.

1951 erfolgte erstmals ein optischer Wechsel, wobei jedoch unter dem modernisierten Blechkleid das Vorkriegsfahrgestell beibehalten wurde. Dank des nun einteiligen Heckfensters verbesserte sich die Rundumsicht, zugleich stieg die Motorleistung auf 43 kW/58 PS. Was aus heutiger Sicht irrelevant wirken könnte, machte damals einen großen Unterschied aus. Mitbewerber konnten diesen Wert selten überbieten, waren zumeist aber teurer. Dies führte dazu, dass der Kapitän zeitweise Platz drei der deutschen Zulassungsstatistik einnahm - hinter Volkswagen Käfer und Opel Olympia Rekord, aber weit vor anderen Oberklassefahrzeugen. Bis Mitte 1953 verließen 48.587 Exemplare die Rüsselsheimer Produktion.

Die folgenden Modellgenerationen zeigten noch mehr als bislang den amerikanischen Einfluss, den nicht nur General Motors auf Opel hatte. Viele europäische Autohersteller kopierten bei ihren Limousinen in den 1950er Jahren jenen Stil, der mit den Straßenkreuzern in den USA vorgelebt wurde. Allerdings passten sich nur wenige zeitgleich auch den kurzen Produktionszeiträumen an. Während es in den USA bis heute normal ist, dass von einem zum nächsten Modelljahr viele Veränderungen bis hin zu optischen Modifikationen in die Fahrzeuge einfließen, sind wir in Europa doch eher langfristige Planungen gewohnt, die erst nach frühestens zwei bis drei Jahren ein Facelift vorsehen.

Im Herbst 1953 präsentierte Opel den 'Kapitän '54' mit damals sehr moderner Ponton-Karosserieform inklusive Kühlergrill im Haifisch-Design und erstmals rundum vorn angeschlagenen Türen sowie ungeteilter Windschutzscheibe. Unter der Motorhaube blieb es beim 2,5 Liter großen Reihensechszylindermotor, der nun jedoch 50 kW/68 PS leistete. Nach 61.543 Fahrzeugen folgte Ende Juli 1955 eine Modellpflege mit neuem Kühlergrill, glatterer Motorhaube und kleinen Flossen auf den hinteren Kotflügeln. Zudem stieg die Motorleistung auf 55 kW/75 PS an. In drei Jahren verließen 92.555 Kapitän-Exemplare dieser Baureihe die Produktionshallen in Rüsselsheim.

Mit dem folgenden Kapitän P (später intern 'Kapitän P 2,5' genannt) tat man sich bei Opel indes keinen großen Gefallen. Das Design entsprach mit den Panoramascheiben vorn und hinten, der Zweifarblackierung, dem tief liegenden Dach sowie den vergrößerten Heckflossen ganz klar dem US-Geschmack, kam jedoch in Europa überhaupt nicht an. Die charakteristische Form der Rückleuchten brachte diesem Wagen den Spitznamen 'Schlüsselloch-Kapitän' ein. Nach nur einem Jahr und 34.842 Exemplaren folgte der Wechsel auf den technisch baugleichen, jedoch optisch deutlich veränderten Kapitän 2,6. Trotz weiterhin klarer US-Einflüsse bei der Gestaltung erhielt er ein geräumigeres Interieur mit höherer Dachlinie und vergrößerten Türausschnitten. 145.616 Kunden entschieden sich weltweit für dieses Oberklassemodell. Zudem wuchs der Motor auf 2,6 Liter Hubraum mit nun 66 kW/90 PS, während der Kapitän P 2,5 mit 59 kW/80 PS aufwartete und heute zu den gesuchtesten Opel-Klassikern gehört.

Während alle zuvor genannten Modellgenerationen in den Zulassungsstatistiken Plätze vor der Konkurrenz einnehmen konnte, gelang dieses Kunststück mit dem Kapitän A ab 1964 nicht mehr. Und das, obwohl Opel erstmals die Modellpalette aufspaltete, um allen Kundengeschmäckern und -vorlieben zu entsprechen. Ab jetzt fungierte der Kapitän als Einstieg in die Oberklasse. Darüber rangierte der Admiral und als Topmodell platzierte man den Diplomat. Alle drei teilten sich die selbe Rohkarosserie mit geradlinigem Design. Während in Kapitän und Admiral anfänglich der nun 100 PS starke Sechszylinder mit 2,6 Litern Hubraum und ab September 1965 wahlweise stattdessen ein 2,8-Liter-Sechszylinder mit 125 PS oder ein 4,6 Liter großer V8-Motor mit 190 PS angeboten wurde, gab es den Diplomat ausschließlich mit acht Zylindern, wobei 1966 oberhalb der 4,6-Liter-Maschine die Topmotorisierung mit 5,4 Litern Hubraum und 230 PS folgte. Ab 1967 bot Opel für den Reihensechszylindermotor gegen 500 D-Mark Aufpreis ein HL-Paket (Hochleistung) an, das die Leistung auf 140 PS steigerte.

Optisch unterschied sich nur der Diplomat deutlich durch das serienmäßige Vinyldach von seinen Modellgeschwistern. Zudem gab es nur den Diplomat auch als Coupé-Version, die bei Karmann in Osnabrück ausschließlich mit dem 5,4-Liter-V8 gebaut wurde. Insgesamt entstanden 24.249 Kapitän A, 55.876 Admiral A und 8.848 Diplomat A Limousinen sowie 347 Coupés. Letztere erzielen heutzutage in Bestzustand über 200.000,- € im Falle eines Verkaufs.

Obwohl Opel die Spitzenposition im Markt der Sechszylinder-Limousinen verloren hatte, hielt man an der Aufspaltung der Modellreihe fest und brachte ab 1969 die zweite Generation des 'KAD' (Kapitän, Admiral und Diplomat) mit dem angehängten Buchstaben 'B' heraus. Erneut nutzten alle drei Ableger die gleiche, teilverzinkte Rohkarosserie, wobei allerdings diesmal der Diplomat nicht nur durch das Vinyldach, sondern zusätzlich durch senkrecht gestellte Scheinwerfer auffiel. Aufgrund seiner sehr schlichten Serienausstattung fand der Kapitän B nur wenige Käufer und wurde bereits im Mai 1970 vom Markt genommen. Damit verschwand der Modellname aus den Büchern, da Opel bis heute ein solches Fahrzeug nicht wieder ins Programm nahm. Admiral B und Diplomat B liefen noch bis Juli 1976, beziehungsweise Juli 1977.

Unter der Motorhaube des Kapitän B und Admiral B saß ein 2,8 Liter großer Sechszylinder-Reihenmotor mit 129 bis 165 PS, wobei der Kapitän ausschließlich mit Vergasern erhältlich war, während im Admiral auch eine Einspritzerversion angeboten wurde, die zugleich die Basisvariante des Diplomat darstellte. Diesen gab es außerdem mit einem 5,4-Liter-V8 und 230 PS, der auch in einer 16 Zentimeter längeren Langversion verbaut war. 1971 entstanden vier Diplomat B als viersitzige und viertürige Cabriolets im Werk, um VIPs zu chauffieren. Darüber hinaus fertigte man auch eine sechstürige Stretch-Limousine an, die jedoch mangels Nachfrage nicht in Kleinserie ging. Auf Basis des Admiral B gab es mindestens drei Kombis, die im Opel-Werk für den Einsatz als Begleit- und Servicewagen in der Rallye-Europameisterschaft aufgebaut wurden. Von anderen Karosseriefirmen wie Vogt gab es zudem diverse Umbauten zum Kombi, zur Fastback-Limousine, zum Krankentransporter oder sogar zum Leichenwagen. Am berühmtesten dürfte zweifelsfrei der Sportwagen Bitter CD sein, dessen Kürzel für 'Coupé Diplomat' und damit für den technischen Spender steht.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Opel