Kleiner Technologieträger

70 Jahre Gutbrod Superior

Auto 14.07.2020
70 Jahre Gutbrod Superior

Haben Sie schon einmal von der Firma Gutbrod gehört? Wenn Sie nach 1970 geboren wurden vermutlich eher nicht. Diese ging zurück auf die Standard Fahrzeugfabrik GmbH, die 1926 in Ludwigsburg von einem gewissen Wilhelm Gutbrod begründet wurde. Dort und auch am neuen Hauptsitz in Stuttgart-Feuerbach, wohin die Fabrikation 1933 umzog entstanden hauptsächlich Motorräder. Als das Programm auf Lieferwagen und Kleinfahrzeuge erweitert wurde, zog man 1937 weiter nach Plochingen am Neckar. Während des Krieges untersagte die Nazi-Regierung jegliche weitere Produktion und 1946 demontierten amerikanische GIs große Teile der Fabrikation. Trotzdem schaffte es die Nachfolgefirma Gutbrod noch im gleichen Jahr erste Kleintransporter herzustellen. Ab 1949 folgten erste Vorserienfahrzeuge des nagelneuen Gutbrod Superior, mit dem man in die Kleinwagenklasse einstieg.

Ab Werk gab es eine zweitürige Cabrio-Limousine oder einen dreitürigen Kombi (ab 1952). Die Rohkarosserien der Cabrio-Limousine entstanden bei Weinsberg, die des Kombi bei Westfalia. Vervollständigt wurden sie anschließend im Gutbrod-Werk in Calw, wo die Produktion im Juli 1950 anlief. Bereits auf der Frankfurter Frühjahrsmesse zeigte man eine Cabrio-Version, die jedoch mangels Interesse nie in Serie ging. Ab September 1951 gab es parallel zum Superior 600 mit einem Zweizylinder-Zweitaktmotor und je nach Quelle 20 bis 22 PS aus 593 Kubikzentimetern Hubraum den Gutbrod Superior 700. Dieser erhielt einen Motor mit 663 Kubikzentimetern und 26 PS in der Vergaserversion. Gemeinsam mit Bosch und dem Mitbewerber Goliath entwickelte man unter Leitung von Ingenieur Hans Scherenberg eine mechanische Benzineinspritzung, die im Superior 700E debütierte, die Leistung auf 30 PS steigerte und dieses Modell zum ersten Serienfahrzeug der Welt mit Einspritzanlage machte. Im Goliath 700 hatte das fast baugleiche Triebwerk 688 Kubikzentimeter Hubraum. Bei beiden Herstellern sorgten die Mehrkosten der Benzineinspritzung letztlich dafür, dass die Stückzahlen gering blieben.

Der pontonförmige Gutbrod Superior stand auf einem Zentralrohrrahmen mit Gabelung vorn und dem Motor über der angetriebenen Vorderachse mit doppelten Querlenkern, Schraubenfedern und Teleskopstoßdämpfern. Hinten saßen derweil quer liegende Blattfedern. Zwischen den festen Dachbögen mit breiten B-Säulen saß bei der Cabrio-Limousine ein zurückrollbares Stoffverdeck. Für den Spurt aus dem Stand auf 90 km/h gab Gutbrod rund 26 Sekunden an, während die Höchstgeschwindigkeit lediglich 115 km/h betrug. Für die Verzögerung sorgten rundum hydraulisch betätigte Trommelbremsen.

Bis 1954 entstanden insgesamt 7.739 Exemplare des Superior, davon 6.860 Cabrio-Limousinen und 866 Kombis. Nur rund 300 Autos liefen mit der Einspritzanlage vom Band. Zudem produzierte die Karosseriebaufirma Wendler zwischen 1951 und 1952 zwölf Gutbrod Superior Sport Roadster sowie im Werk einige Prototypen einer viersitzigen Limousine, die nicht mehr in Serie ging. Zwei Superior nahmen 1953 am 1000-Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring teil, wo sie ihre Zuverlässigkeit unter Beweis stellten. Im Folgejahr erreichte ein weiteres Exemplar den zweiten Platz bei der 48-Stunden-Winterfahrt nach Oberstdorf, wodurch die Fahrerpaarung Wolfgang Gutbrod und Dr. Heinz Schwind vom ADAC einen Silberbecher und eine Goldmedaille erhielten. Der hohe Preis des Superior sorgte dafür, dass das Interesse bald nachließ und schließlich die Automobilsparte ausgegliedert und abgewickelt wurde.Die Werke in Calw und Plochingen verkaufte man an Bauknecht. Hans Scherenberg kehrte zum Daimler-Benz Konzern zurück und übertrug die Benzineinspritzung auf Viertaktmotoren. Die übrige Firma Gutbrod verlagerte sich auf die Fertigung von Treckern, Rasentraktoren und einachsigen Landwirtschaftsgeräten, bis 1996 die Modern Tool and Die Company (MTD) das Unternehmen aufkaufte. Der Superior diente 1989 als optische Inspiration für den Nissan Figaro.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Archiv, AutoStadt, Matthias Kierse