Leichtbausportwagen aus Schweden

65 Jahre Saab Sonett

Auto 13.05.2020
65 Jahre Saab Sonett

Sportwagen kommen aus Deutschland, Großbritannien oder Italien, manchmal vielleicht auch noch aus Japan oder den USA. Punkt? Nein. Mit dieser Generalaussage übersieht man diverse Länder, in denen sich ebenfalls bereits Hersteller um entsprechende Fahrzeuge bemüht haben und zum Teil heute noch bemühen. Eines davon liegt weit im Norden, gehört zu Skandinavien und brachte neben der heutigen Firma Koenigsegg mit ihren Boliden sogar bereits vor 65 Jahren erstmals einen Sportwagen auf die Straße: Schweden. Dieses Auto, das da 1955 auf die zumeist noch geschotterten Wege rollte, kam von einer Marke, die eigentlich für den Flugzeugbau bekannt war und inzwischen durch die Entscheidungen eines US-Konzerns und darauf folgende Verwicklungen mit einer niederländischen Sportwagenfirma und deren russischen Geldgebern endgültig zusperren musste. Die Rede ist von Saab (Svenska Aeroplanaktiebolaget), deren Autosparte nur acht Jahre vor der Premiere unseres heutigen Themenautos begründet worden war. Die genaue Markengeschichte bietet genug Lesestoff für einen eigenen Artikel, weswegen wir an dieser Stelle mit dem allgemeinen Rückblick aufhören und uns auf den Saab Sonett konzentrieren. Trotz der noch jungen Geschichte im Automobilbau entdeckte man bei Saab relativ schnell, dass sich die Limousinen der 90er Baureihe mit ihrem Frontantrieb gut für den Rallyesport eigneten. Die notwendigen Weiterentwicklungen für diesen Bereich übergab man einer neuen Motorsportabteilung, die sich zusätzlich auch um die Entwicklung eines eigenen kleinen Sportwagens kümmerte.

Gerüchteweise kam dieses Auto kurz vor seiner Weltpremiere auf dem Stockholmer Autosalon 1956 auf unkonventionelle Weise zu seinem Namen. Der Designer Sixten Sason soll der Legende nach den fertiggestellten Prototypen erstmalig im Tageslicht gesehen und dabei: "Så Nätt" ausgerufen haben (übersetzt: So nett). Eigentlich wollte man das Zahlenkürzel 94 oder die pragmatische Bezeichnung 'Super Sport' nutzen. Entwickelt wurde der Wagen nach Feierabend außerhalb des Werksgeländes in einer Scheune in Åsaka durch Rolf Mellde, Lars Olov Olsson, Olle Lindkvist und Gotta Svensson. Sixten Sason entwarf das lediglich 70 Kilogramm schwere Kastenrahmen-Chassis, bei #1 aus Aluminium, danach aus Stahl gefertigt. Rund um die Technik des Saab 93 erstellte er zudem einen zweisitzigen Roadster mit einer genieteten Aluminiumkarosserie, wobei der Prototyp noch eine Glasfaser-Karosserie erhielt. Auf diese Weise sank das Leergewicht auf rund 600 Kilogramm. Eigentlich sollte der Saab Sonett bei Sportwagenrennen wie der Targa Florio, der Mille Miglia oder den 24 Stunden von Le Mans starten. Hierfür liefen bereits Vorbereitungen, um bis zu 2.000 Exemplare für Privatkunden anzufertigen. Allerdings veränderte sich zur Saison 1956 aufgrund der schweren Unfälle in Italien und Le Mans das Reglement und schloss modifizierte Serienfahrzeuge aus den Hubraumklassen aus, die Saab hätte belegen können. Somit stellte man das Projekt kurz vor dem Serienanlauf ein. Bis zu diesem Zeitpunkt waren lediglich sechs Fahrzeuge entstanden. Sein Potenzial konnte der Sonett mit seinem hinter der Vorderachse verbauten, 57,5 PS starken Dreizylinder-Zweitaktmotor mit 748 Kubikzentimetern Hubraum 1996, als der inzwischen verstorbene Werks-Rallyefahrer Erik Carlsson einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord in der 750-Kubikzentimer-Klasse mit dem restaurierten Prototyp #1 aufstellte. Er erreichte 159,4 km/h.

Es sollte zehn Jahre lang still um das Thema Sportwagen bei Saab werden, obwohl Anfang der 1960er Walter Kern, ein Ingenieur des Massachusetts Institute of Technology (MIT), und Björn Karlström, ein Auto- und Flugzeugillustrator, unabhängig voneinander Vorschläge zu einem neuen offenen Zweisitzer unterbreiteten. Daraufhin entstanden die zwei unterschiedlich gestalteten Prototypen MFI13 und Catherina. Letzteren gestaltete Sixten Sason als Targa mit herausnehmbarem Dachteil. Firmenintern entschied man sich jedoch für das Coupé MFI13 von Malmö Flygindustri, der mit geringen Modifikationen als Sonett II (intern als Saab 97) in Serie ging. Als Basis diente erneut ein Kastenrahmen-Chassis, an das ein Überrollbügel hinter den Sitzen angeschweißt wurde. Darüber entstanden bei ASJ (Aktiebolaget Svenska Järnvägsverkstäderna) in Arlöv Kunststoffkarosserien aus Fiberglas. Während alle sechs originalen Sonett mit Rechtslenkung ausgestattet waren, gab es den Sonett II ausschließlich mit Linkslenkung. Under der komplett nach vorn aufklappenden Motorhaube saß anfänglich eine 60 PS starke Version des Dreizylinder-Zweitaktmotors, mit dem der Sonett II bis zu 150 km/h schnell wurde. Da Saab parallel im 95 und 96 sowie in den Rallyefahrzeugen auf einen bei Ford zugekauften V4-Viertaktmotor umstellte, lohnte sich diese Umstellung auch für den Kleinseriensportwagen. Im Sonett V4, der optisch an der neu geformten Motorhaube erkennbar war, stieg damit die Leistung auf 65 PS aus 1,5 Litern Hubraum, während die Höchstgeschwindigkeit auf 160 km/h kletterte. Innen fand man nun ein schwarz lackiertes Armaturenbrett anstelle des Holzdekors. Vom Sonett II entstanden 258 Exemplare, vom Sonett V4 schließlich 1.610 Stück, von denen die meisten in die USA exportiert wurden.

Für 1970 erfolgte ein großes Facelift mit Designänderungen durch den italienischen Designer Sergio Coggiola, die von Gunnar Sjögren auf die Serienfertigung angepasst wurden. Das Ergebnis erhielt den Namen Sonett III. Am Heck ersetzte eine komplett aufklappbare Heckscheibe die vorherige kleine Klappe zum Kofferraum, vorn kam eine neue Motorhaube mit manuellen Klappscheinwerfern zum Einsatz und innen wanderte der Schalthebel von der Lenksäule auf den Mitteltunnel. 1970 und 1971 blieb es noch beim 1,5-Liter-Motor mit einigen Modifikationen am Abgasstrang. Durch neue Sicherheitsvorschriften für den US-Markt ab 1972 wuchsen dem Wagen große Gummistoßstangen, die ihm viel von seiner Eleganz raubten. Gleichzeitig wechselte Saab auf den 1,7-Liter-V4 von Ford, den man zur Einhaltung der Abgasregularien auf 65 PS drosselte. Allerdings führten die minimal bessere Aerodynamik im Vergleich zum Sonett V4 und ein neu abgestimmtes Getriebe zu 5 km/h mehr Höchstgeschwindigkeit. Bis zum durch die Ölkrise ausgelösten Produktionsende 1974 liefen 8.368 Exemplare des Sonett III vom Band.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Saab