Zweite Karosserievariante des 911

55 Jahre Porsche 911 Targa

Auto 29.06.2020
55 Jahre Porsche 911 Targa

Als Porsche vom 356 auf den 911 wechselte, entfielen zwei beliebte Karosserievarianten: Cabriolet und Speedster. Zwar gab es ein paar offene 911-Prototypen, diese konnten im Fahrversuch jedoch nicht überzeugen, da die Grundstruktur zu weich war. Unter Belastungen sorgten Verwindungskräfte dafür, dass sich die Türen nicht mehr öffnen ließen und Risse im Schwellerbereich auftraten. Dies entsprach natürlich nicht den hohen Ansprüchen, die Porsche an ein Serienauto stellte. Entsprechend gab es den 911 ab 1963 erst einmal ausschließlich als Coupé. Schon bald gingen bei den weltweiten Händlern Kundennachfragen nach einer offenen Variante ein. Um diese nicht zu enttäuschen begannen in Zuffenhausen die Arbeiten erneut. Dabei mussten die Ingenieure und Designer zusätzlich eine politische Entwicklung in den USA beachten, die sich im Nachhinein zum Glück in Wohlgefallen auflöste. Durch ansteigende Zahlen von Verkehrsunfällen mit Todesfolge gab es dort ernste Diskussionen über ein Verbot von Cabriolets sowie Roadster- und Speedster-Modellen. Entsprechend schwierig wäre es für Porsche gewesen, ein komplett offenes 911 Cabriolet auf den Markt zu bringen.

Um die dachlose Rohkarosserie verwindungssteifer zu gestalten, entwickelte man einen breiten, fest verbauten Überrollbügel, dessen oberer Bereich zwischen den Seitenscheiben und entlang des Daches in poliertem Edelstahl ausgeführt wurde. Oberhalb der Köpfe von Fahrer und Beifahrer konnte ein Dachteil entnommen werden, das teilweise zusammen geklappt und im Kofferraum mitgeführt werden konnte. Hinter dem Überrollbügel befand sich eine Kunststoffheckscheibe, die sich ebenfalls öffnen ließ. Im August 1965 meldete Porsche dieses Dachkonzept zum Patent an. Das fertige Fahrzeug debütierte schließlich auf der IAA 1965 und rollte ein Jahr später endlich als 911, 911 S und 912 zu den Händlern. Auf der Suche nach einer passenden Modellbezeichnung sah man sich nach berühmten Rennstrecken um und kam rasch auf die Targa Florio auf Sizilien. Bei diesem großen Straßenrennen feierte Porsche bereits seit Mitte der 1950er Jahren Erfolge. Anfänglich gab es tatsächlich Bestrebungen, den offenen 911 in Anlehnung an diese Veranstaltung '911 Flori' zu nennen, was schließlich jedoch der Inlands-Verkaufsleiter Harald Wagner mit einer einfachen Frage abwenden konnte: "Warum nennen wir den Wagen nicht einfach nur Targa?" Dieser Begriff heißt im italienischen soviel wie Schild und passte daher hervorragend zum Anspruch eines Sicherheitscabriolets.

Nur ein Jahr nach der Markteinführung sorgte Porsche durch eine Modifikation für ein Designmerkmal, das die allermeisten späteren Targa-Modelle ebenfalls erhielten. Anstelle der zu öffnenden Kunststoffheckscheibe konnten Kunden eine fest verbaute und beheizbare Heckscheibe aus Sicherheitsglas bestellen. Diese Option wurde 1967 zur Serienausstattung. Somit konnte nun nur noch das obere Dachteil geöffnet werden, um reichlich Frischluft ins Cockpit zu lassen. In genau dieser Konfiguration gab es den 911 Targa schließlich auch nach der Modellpflege im Spätsommer 1973, als Sicherheitsvorschriften in den USA neue Stoßstangen nötig machten, die einen Aufprall bis 8 km/h unbeschadet überstehen mussten. Allerdings gab es den Targa-Überrollbügel nun alternativ zum gebürsteten Edelstahl auch in Schwarz. Ab 1983 rollte tatsächlich wieder ein vollwertiges Cabriolet auf Basis des 911 vom Band, wodurch der Targa jedoch nicht aus dem Programm entfiel.

Ab 1989 produzierte Porsche die neue 911-Generation 964, die zu 85 Prozent aus neu entwickelten Teilen bestand, auch als Targa. Erstmalig konnten Kunden dabei zwischen Heck- und Allradantrieb (Carrera 2 und Carrera 4) wählen. Von den ersten drei Targa-Generationen entstanden insgesamt 87.663 Exemplare. Beim Nachfolgemodell 993 mit flacherer Frontpartie wandte sich Porsche ab 1993 vom herausnehmbaren Dachteil ab und entwickelte stattdessen für den ab 1995 angebotenen 993 Targa ein großes, getöntes Glasdach, das auf Knopfdruck stufenlos nach hinten und unter die Heckscheibe glitt. Beim 996 dauerte es volle vier Jahre, ehe die Targa-Version mit gleichem Dachkonzept zu den Händlern rollte, ergänzt durch eine aufklappbare Heckscheibe. Auch der 997 behielt diese Glasdachlösung bei, während das Fahrzeug an sich nun nur noch mit Allradantrieb als Targa 4 und Targa 4S erhältlich war. Dies behielt Porsche seither bei. Dafür kehrte man mit dem 991 optisch zum Edelstahlüberrollbügel zurück. Allerdings ist das Dachteil nicht mehr von Hand zu entnehmen, sondern an einen komplexen elektrischen Mechanismus gekoppelt, durch den es hinter den Sitzen verschwindet. Auch beim kürzlich präsentierten 992 funktioniert dieser Verdeckmechanismus hervorragend.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Porsche