Kleiner Bruder des Ro 80

50 Jahre Volkswagen K 70

Auto 14.01.2020
50 Jahre Volkswagen K 70

Zeigt man Jugendlichen der heutigen Zeit einen Volkswagen K 70, bleiben Begeisterungsstürme üblicherweise aus. Kein Wunder. Es handelt sich weder um einen rassigen Sportwagen, noch um einen nur wenige Male gebauten Exoten. Stattdessen steht hier eine Mittelklasselimousine mit typischen Proportionen und, zumindest auf den ersten Blick, wenig Pfiff. Erst beim zweiten Hinsehen fallen die liebevoll gestalteten Dachsäulen ins Auge, die dem Wagen eine hervorragende Rundumsicht verliehen - eine heute vielerorts vergessene Tugend im Automobilbau. Dass hinter diesem Viertürer jedoch eine deutlich spannendere Geschichte steckt und eigentlich ein ganz anderes Markenlogo an Bug und Heck prangen sollte, wissen wohl nur Fans und diejenigen Leser, die sich an die Premiere des K 70 vor 50 Jahren noch erinnern können.

Diese Präsentation war eigentlich für den Genfer Automobilsalon im März 1969 angekündigt und von vielen Autofahrern erwartet worden. Allerdings kam manches anders als gedacht, weshalb wir an dieser Stelle die Zeitrechnung um weitere vier Jahre zurückdrehen. Am 12. Januar 1965 beschloss die NSU Motorenwerke AG ihren Entwicklungschef Ewald Praxl mit den Arbeiten an einem neuen Mittelklassemodell unterhalb des bereits fast fertiggestellten Ro 80 zu betrauen. Dem Stil der Zeit entsprechend sollte diese Ergänzung der Modellpalette natürlich über die aktuellste Sicherheitstechnik verfügen, was Mitte der 60er hieß: Knautschzonen an Front und Heck, der Benzintank im geschützten Bereich vor der Hinterachse sowie eine mehrfach angewinkelte Sicherheitslenksäule. Sicherheitsgurte kosteten hingegen noch Aufpreis, wobei die notwendigen Schraublöcher direkt in allen Rohkarosserien vorgesehen wurden, um Nachrüstungen zu ermöglichen. Während bei der größeren Limousine die Modellbezeichnung auf die neue Kreiskolbentriebwerke hinwies ('Ro' für Rotationsmotor), sollte dies auch beim kleineren Modell so sein. Dieses würde jedoch mit konventionellen Motoren kommen, erhielt daher also ein 'K' für Kolbenmotor vor der Nummerierung 70, die der kleineren Baureihe zugedacht war. Das Karosseriedesign stammte wie beim Ro 80 auch hier aus der Feder von Claus Luthe. Neben der viertürigen Limousine sollte es auch einen dreitürigen Kombi geben, den Luthe jedoch anfänglich aus optischen Gründen lieber mit fünf Türen zeichnete. Überlegungen für eine Schrägheckvariante fanden vermutlich nur auf den Zeichenbrettern statt und wurden nicht in Modellform verwirklicht.

Nachdem das finale Design für den NSU K 70 abgenickt war, gelangte der Wagen in den Prototypenstatus und wurde auf diversen Marterstrecken auf Herz und Nieren geprüft. Als es Zeit für die Nullserienfertigung wurde, geriet NSU immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten. Daher musste die Marke aus Neckarsulm den bereits erwähnten Auftritt auf dem Genfer Salon auch in letzter Minute absagen. Stattdessen fusionierte man am 21. August 1969 mit der zum Volkswagen Konzern gehörenden Auto Union GmbH zur Audi NSU Auto Union AG. Während mit dieser Fusion das Überleben der Fabrikationsstätte in Neckarsulm gesichert wurde - auch wenn 1975 noch einmal eine Krise überwunden werden musste - verschwand der Name NSU 16 Jahre später durch die Umbenennung der Aktiengesellschaft in Audi AG endgültig aus der Automobillandschaft. Den fast serienreif entwickelten NSU K 70 übernahm indes ausgerechnet Volkswagen, da Audi bereits den 100 im Programm hatte. Zu dieser Zeit kannte man den Wolfsburger Autobauer ausschließlich für luftgekühlte Heckmotorfahrzeuge wie Käfer, Bulli oder Karmann Ghia. Selbst die Limousinen Typ 3 und Typ 4 waren vom alten Konstruktionsprinzip von Ferdinand Porsche nicht abgekehrt.

Mit dem K 70 erhielt Volkswagen unverhofft eine Chance, sich mit einem neuen Konstruktionsprinzip anzufreunden, ohne vorher viel Geld in die Entwicklung stecken zu müssen. Man investierte allerdings in einen neuen Standort, an dem das Fahrzeug vom Band laufen sollte: Salzgitter. In diesem Werk entstanden zudem wassergekühlte Motoren für Audi sowie die Volkswagen-Modell 411, 412 und Passat. Nach 418.353 Fahrzeugen insgesamt stellte man in Salzgitter komplett auf Motorenfertigung um und ist heute VWs größter entsprechender Produktionsort. Beim K 70 blieb es unter Volkswagen bei der Limousinenvariante, da man die Verkaufszahlen des 411/412 Variant nicht torpedieren wollte. Immerhin sorgte hier bereits die Limousine für Probleme, da sie mit sieben Zentimetern weniger Außenlänge deutlich mehr Platz im Interieur plus mehr Kofferraumvolumen bot. Hinzu kamen der modernere Vorderradantrieb und eine wirksamere Heizung. Etwas ungewöhnlich war hingegen die Anordnung der vorderen Bremsscheiben direkt innen am Differenzial. Beim Fahrwerk mit Dreiecksquerlenkern und MacPherson-Federbeinen vorn und einer Schräglenkerhinterachse hatten sich die Ingenieure klar am größeren Ro 80 orientiert. Motorenseitig gab es anfänglich eine 1,6-Liter-Maschine mit 55 kW/75 PS oder 66 kW/90 PS sowie ab 1973 als Topversion im K 70 S und K 70 LS einen 100 PS starken 1,8-Liter-Motor. Diese Triebwerke stammten noch von NSU und wurden nicht für die späteren Volkswagen-Modelle mit Frontmotorbauweise übernommen.

Sowohl bei der damaligen VW-Kundschaft, als auch beim Verkaufspersonal wurde der K 70 über die gesamte Bauzeit von 1970 bis 1975 hinweg eher stiefmütterlich behandelt. In den ersten drei Jahren war er das einzige modern gestaltete Modell und musste sich gegen jahrzehntealte Vorurteile durchsetzen. Da half auch die umfangreiche Serienausstattung mit elektrischer Uhr, Wisch-Wasch-Funktion für die Scheibenwischer, Kontrollleuchten für Starterzug und Handbremse, stufenlos verstellbarer Instrumentenbeleuchtung, verkleideten Türen mit Aschenbechern hinten, beleuchtetem Zigarettenanzünder sowie Kleiderhaken an B-Säulen und hinteren Deckengriffen nicht. Mit der Einführung von Passat, Scirocco und Golf gab es ab 1973 sukzessive weitere Fahrzeuge mit wassergekühlten Triebwerken über der Vorderachse, die jedoch bereits deutlich moderner daherkamen als der Mitte der 60er Jahre entwickelte K 70. So blieb es bei lediglich 211.127 Exemplaren, die in Salzgitter vom Band rollten. Leider gehörte Rostvorsorge damals noch nicht zu den Tugenden der Autobauer, sodass die K-70-Verbreitung heutzutage äußerst eingeschränkt ist. Durch den relativ niedrigen Wert dieser Mittelklasselimousine lohnen aufwändige Restaurierungen zudem häufig nicht. Entsprechend selten tauchen Volkswagen K 70 bei Oldtimertreffen auf.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Volkswagen