Typ 4 mit drei Karosserievarianten

50 Jahre Volkswagen 411

Auto 14.11.2018
50 Jahre Volkswagen 411

Denkt man heute an Volkswagen, so überschattet der seit einigen Jahren durch die Medienlandschaft geisternde Dieselskandal vieles, was in der Vergangenheit geleistet wurde. Eigentlich schade, denn die Marke aus Wolfsburg hat eine durchaus interessante Markengeschichte, wenn auch nicht immer frei von Fehlern und Skandalen - doch welche andere Firma mit ähnlichem Alter hat diese nicht? Je nach Fürhrungsteam konnte man sich in der Entwicklungsabteilung mehr oder weniger frei entfalten. Doch auch wenn das Korsett eng geschnürt war, wie etwa in den 1950er Jahren bis in die beginnenden 70er, schufen die Ingenieure im Rahmen der gesteckten Möglichkeiten interessante Fahrzeuge. So war zwar der Heckmotor mit Heckantrieb fest in der Modellpolitik verankert, allerdings stand nirgends geschrieben, dass man sich auf Käfer, Bulli und den schnittigen Karmann Ghia beschränken müsse.

So entstand zuerst der 1961 präsentierte Typ 3, der als 1500 in den Karosserieformen Limousine, TL (offiziell: Touren-Limousine, inoffiziell: Traurige Lösung) und Variant (Kombi) vermarktet wurde und in die Mittelklasse hinein ragte. Kunden, die ein noch größeres Modell wünschten, wurden schließlich ab 1968 mit dem Typ 4 bedient, der als 411 zu den Händlern rollte. Im Gegensatz zu Typ 1 (Käfer), Typ 2 (Bulli) und Typ 3 erhielt der neue Typ 4 erstmals eine selbsttragende Karosserie ohne den bisher gewohnten Zentralrohrrahmen. Überhaupt machte der 411 einiges anders als seine Modellgeschwister. Er übernahm die ein Jahr zuvor im Transporter T2 eingeführte Schräglenkerhinterachse, kombinierte sie jedoch anstelle von Drehstäben mit Schraubenfedern und einer MacPherson-Vorderachse. Diese kam erstmals in einem VW zum Einsatz. Zudem gab es neben der dreitürigen Schräghecklimousine von Anfang an auch eine Version mit vier Türen, was ebenfalls ein Novum für die Wolfsburger Automarke war. Ein Jahr später folgte der dreitürige Kombi mit dem bis heute bekannten Beinamen Variant.

Volkswagen 411 bei der Präsentation im August 1968

Volkswagen 411 bei der Präsentation im August 1968

Der Große aus Wolfsburg, klassisches Werbeplakat für den Volkswagen 411

Volkswagen 411 von 1968 mit ovalen Scheinwerfern

Bild aus der Produktion des Volkswagen 411 (1968)

Volkswagen 411 LE, ab 1969 mit Doppelscheinwerfern

Volkswagen 411 LE

Volkswagen 411 LE Variant

Volkswagen 411 LE Variant

Volkswagen 411 LE Variant

Interieur des Volkswagen 411

Fußraum des Volkswagen 411

Schnittzeichnung des Volkswagen 411

Vierzylinder-Boxermotor im Volkswagen 411

Werbung für den Volkswagen 411 in den USA

Werbung für den Volkswagen 411 in den USA

Volkswagen 411 Cabrio Studie von Karmann

Da der 411 nicht nur innen viel Platz für die Passagiere bieten, sondern auch deren Gepäck verstauen sollte, wurde vor der Windschutzscheibe ein langer Vorbau mit großem Kofferraum vorgesehen. Dieser ließ sich optisch jedoch schlecht kaschieren und führte im Volksmund schnell zu einem Spitznamen, den das Modell bis heute trägt: Nasenbär. Beim Dreitürer und Variant gab es zudem weiteren Platz für Taschen und Koffer oberhalb des Motors im Heck. Nur im ersten Produktionsjahr zeigte der Wagen ovale Scheinwerfer mit durchgehender Verglasung, ab 1969 fanden sich hier zwei runde Doppelscheinwerfer in den Gehäusen. Zugleich rutschte das VW-Logo von der vorderen Haube auf den Bereich zwischen den Leuchten. Viele Besitzer rüsteten ihre Fahrzeuge im Laufe der Jahre auf die einfache Gestaltung zurück. Ein Einzelstück blieb derweil ein von Karmann gefertigtes, viersitziges Cabriolet, das durch den Aufkauf der Firma inzwischen Teil der Volkswagen Fahrzeugsammlung ist.

Während anfänglich ein 1,7 Liter großer Vierzylinder-Boxermotor mit Vergaser und 50 kW/68 PS für den Vortrieb sorgte, wurde dieser bereits im August 1969 durch eine Einspritzer-Version mit Bosch D-Jetronic und 59 kW/80 PS ersetzt. Neben dem serienmäßigen Viergang-Schaltgetriebe war auch eine Dreigang-Automatik lieferbar. Durch den stärkeren Motor stieg nicht nur die Höchstgeschwindigkeit von 145 auf 155 km/h (mit Automatik je 3 km/h langsamer), sondern auch der Grundpreis von 7.770,- DM auf 7.985,- DM. Im Sommer 1972 erfolgte eine große Modellpflege inklusive neuer Frontgestaltung und Umbenennung zum 412. Beim Kraftfahrtbundesamt (KBA) laufen beide gemeinsam als Typ 4, weshalb sich heute nicht klar sagen lässt, wieviele 411 und 412 im einzelnen noch zugelassen sind. Insgesamt waren es 2010 nur noch 380 Exemplare. Vom Band liefen bis 1974 jedoch 367.728 Stück, wobei viele in den Export gingen. Durch schlechte Rostvorsorge, einen bereits in den 70ern eklatanten Wertverlust und die schlechte Ersatzteilversorgung durch wenige Gleichteile mit anderen Modellen der gleichen Zeit wurde der Bestand drastisch dezimiert. Das Triebwerk verrichtete auch im Transporter T3 und sogar, in einer Ausbaustufe mit zwei Litern Hubraum, im Porsche 912 und VW-Porsche 914 seinen Dienst. Heutigen Besitzern eines 411 kann man also doppelt gratulieren: Zum 50-jährigen Jubiläum der Baureihe und zum Besitz einer absoluten Rarität.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Volkswagen AG, Archiv