Schwedische Mittelklasse

50 Jahre Saab 99

Auto 25.09.2018
50 Jahre Saab 99

Saab war über viele Jahre seit der Firmengründung 1947 vor allem für kompakte Fahrzeuge bekannt, die anfänglich mit Zweitaktmotoren und später mit V4-Viertaktern die Rallyewelt aufmischten. Besondere Beachtung fanden dabei vor allem die Einlagen von Eric Carlsson. Doch rund 20 Jahre nach dem Urmodell strebte die schwedische Marke nach Vergrößerung. Während der kleinere Saab 96 als Basismodell noch bis 1980 parallel im Programm verblieb, werkelte man Mitte der 1960er an einem Fahrzeug der Mittelklasse, das schließlich 1968 als Saab 99 debütierte. Gestaltet wurde er vom Chefdesigner Sixten Sason (geboren als Karl-Erik Sixten Andersson), der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in der Flugzeugabteilung von Saab arbeitete und seit dem Ur-Saab alle PKWs gezeichnet hatte. Seine besondere Fähigkeit waren sogenannte Röntgenzeichnungen von technischen Details. Dies nutzte er auch für andere Auftraggeber wie Hasselblad, Husqvarna oder Elektrolux. Leider erlebte er die Markteinführung des Saab 99 nicht mehr, da er 1967 mit nur 55 Jahren verstarb.

Anfänglich gab es den Saab 99 als zweitürige Limousine mit separatem Kofferraumabteil hinter der Heckscheibe. Wie alle Saab-Modelle erhielt er Frontantrieb, wofür der Antrieb kompakt übereinander angeordnet wurde. Somit wurde der Motorblock um 45 Grad gekippt und im Vergleich zur üblichen Richtung falsch herum montiert, damit die Kupplung nach vorne und der Antrieb der oben liegenden Nockenwelle nach hinten zeigte. Viergang-Getriebe und Differenzial lagen platzsparend unter dem Triebwerk. Dieses sollte ursprünglich im Auftrag bei Ricardo in Großbritannien entwickelt werden, wäre aber zu teuer geworden. Ricardo als Zuliefererbetrieb hatte jedoch gute Kontakte zu britischen Herstellern und vermittelte Saab an Triumph weiter, wo zu diesem Zeitpunkt gerade ein neuer, 1,7 Liter großer Vierzylindermotor entstand. Dieser erhielt anfangs eine Vergaseranlage und leistete damit 59 kW/80 PS.

1970 folgte eine erste kleine Modellpflege, die neben einer Einspritzervariante des Triebwerks im 99E inklusive Leistungssteigerung auf 64 kW/87 PS auch ein optionales Automatikgetriebe und als zweite Karosserievariante eine viertürige Limousine mitbrachte. In den kommenden Jahren verfeinerte Saab den 99 kontinuierlich weiter. So kam 1971 ein auf 1,85 Liter Hubraum vergrößerter Motor ins Programm, während Scheinwerfer-Wischer und vordere Sitzheizung zur Serienausstattung addiert wurden. Im Jahr darauf platzierte man die vorderen Positionsleuchten neu und montierte größere Stoßfänger. 1973 verstärkte man die Türen mit diagonal eingeschweißten Stahlstangen und erfand damit den Seitenaufprallschutz. Zugleich hatte man den eher unzuverlässigen Triumph-Motor intern weiterentwickelt, ihm einen höheren Block mit breiterem Feuersteg und einen Verteilerantrieb direkt von der Nockenwelle aus gegönnt und zudem den Hubraum auf fast zwei Liter vergrößert. Das Ergebnis fand seinen Weg in den Saab 99 EMS mit Bosch D-Jetronic Einspritzanlage und leistete 81 kW/110 PS. Die später eingeführte Vergaservariante kam auf 70 kW/95 PS.

Mit dem 'Combi-Coupé' führte Saab 1974 eine dritte Karosserieversion mit großer Heckklappe ein. Zeitgleich fanden sich im Interieur neue Sitze mit integrierten Kopfstützen und außen nochmals verbesserte Stoßfänger, deren Form auch nach einem Crash mit bis zu 8 km/h erhalten bleibt. 1975 folgte die zweite große Modellpflegemaßnahme mit überarbeitetem Fahrwerk und Leistungssteigerung auf 100 und 118 PS, während der Triumph-Motor endgültig aus dem Programm genommen wurde. Stig Blomqvist und Per Eklund setzten die Sportversion 99 EMS im Rallyesport ein. Ab 1976 gab es das Combi-Coupé schließlich auch mit vier Türen (nach offizieller Zählung sogar fünf, da die Heckklappe durch ihre Größe als Tür gilt). Es folgten kleine Veränderungen wie eine serienmäßige Heckscheibenheizung für alle Karosserievarianten, größere Heckleuchten bei der Limousine, veränderte Positionsleuchten inklusive einem in Deutschland nicht zugelassenen Kurvenlicht und seitlich herumgezogener Rückfahrleuchten.

Parallel zur Markteinführung des eigentlichen Nachfolgemodells 900 brachte Saab die neue Topmotorisierung des 99 zu den Händlern. Zuvor debütierte der Saab 99 Turbo in strahlendem Perlmuttweiß im Herbst 1977 auf der IAA in Frankfurt. In der Serienfertigung hatten die Kunden jedoch nur die Wahl zwischen Schwarz und Rot als Lackfarben für ihr 145 PS starkes Combi-Coupé. 1979 entfiel diese Variante bereits wieder aus dem Programm. Dafür gab es eine begrenzte Anzahl von zweitürigen Limousinen mit dem Turbotriebwerk, wahlweise in Weiß oder Grün lackiert. Ab 1981 erfolgte die Produktion nur noch im Valmet-Werk in Uusikaupunki/Finnland, wo zuvor bereits seit 1977 der zweitürige 99 Petro mit niedriger verdichtetem Motor und zweigeteiltem Tank für Märkte mit Motorpetroleum als Treibstoff gefertigt wurde. Hier stimmte jedoch die Qualität im Gegensatz zu den in den 70ern im belgischen Gent gefertigten Fahrzeugen. Die Modelljahre 1982 und 1983 erhielten jeweils neue Kühlergrillgestaltungen und im April 1984 endete die Produktion nach 588.643 Exemplaren.

Allerdings erfolgte fast zeitgleich die Premiere des Saab 90 mit der Rohkarosserie des zweitürigen 900 Sedan und der Frontpartie des letzten 99 als neues Einstiegsmodell der Schweden. Er erhielt den zwei Liter großen Motor mit 100 PS und manuellem Fünfgang-Getriebe. Durch die Einführung des Saab 900 Cabrios brauchte man ab 1987 die Kapazitäten im finnischen Werk und stellte den Saab 90 nach 25.378 Exemplaren ein, wovon lediglich rund 600 nach Deutschland exportiert worden waren. Heute ist der Saab 99 ein selten gesehener Gast auf Oldtimerveranstaltungen. Dies liegt wohl tatsächlich an seiner sprichwörtlichen Solidität, die ihm bei entsprechender Pflege Laufleistungen von deutlich mehr als 300.000 Kilometern erlaubt, gleichzeitig dadurch jedoch auch jegliche Art von Restwert auf ein Minimum absenkt und die Fahrzeuge im Laufe der Jahre in die Hände von Exporteuren oder Rest-TÜV-Auffahrern trieb. Eigentlich viel zu schade für diesen interessanten Skandinavier.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Archiv Secret Classics