Sportwagenentwurf aus der Schweiz

50 Jahre Monteverdi Hai 450

Auto 29.05.2020
50 Jahre Monteverdi Hai 450

2017 zeigte der Genfer Autosalon eine Sonderausstellung zum Thema Monteverdi. Dadurch rückte diese Schweizer Automarke nach längerer Zeit wieder in den Blickpunkt von Autofans und wurde möglicherweise auch jüngeren Leuten bekannt. Im Laufe der Jahre zwischen 1967 und Anfang der 1990er gab es insgesamt sieben eigenständige Modellreihen aus Basel sowie viertürige Umbauten des Range Rover als es diesen ab Werk nur mit zwei Türen gab und einen kurzen Ausflug in die Welt der Formel 1. Während High Speed, Sahara und Safari größere Stückzahlen erreichten, blieb es bei Sierra und Tiara ebenso bei kleinen Nummern, wie auch beim Flaggschiff, das 1970 debütierte. Mit dem Hai 450 SS wollte Firmengründer Peter Monteverdi in die Welt der Supersportwagen aufsteigen. Wirkliche Verkaufserfolge fuhr dieser Mittelmotorwagen jedoch lediglich als Matchbox-Modellauto und auf Spielkarten der damals auf Pausenhöfen noch sehr beliebten Quartett-Spiele ein. Doch dazu kommen wir noch.

Als stolzes Unternehmen aus der Schweiz wählte Monteverdi stets den Genfer Autosalon für bedeutende Premieren aus. So auch 1970, als auf dem hauseigenen Stand das Tuch vom Hai 450 SS gezogen wurde. In mittlerem Violett metallic lackiert avancierte dieses Auto innerhalb von Minuten nach der Präsentation zum unumstrittenen Star der Messe. Peter Monteverdis Traum, vom Verkäufer von Sportwagen und Luxusautos zu deren Hersteller aufzusteigen, schien mit diesem Modell besiegelt zu sein. Mit dem Hai wollte er zudem nicht nur einfach wahrgenommen werden, es sollte der schnellste Sportwagen seiner Zeit sein. Hierfür gestaltete er angeblich eigenhändig die Karosserieform (tatsächlich kaufte er im Hintergrund dem Designer Trevor Fiore einen bereits 1967 getätigten Entwurf für eine neue Renault-Alpine, den er bei einem Besuch des Designstudios 1969 zufällig zu sehen bekam, ab, zahlte aber nie), die er anschließend von der Carrozzeria Fissore im italienischen Savigliano über einem bei der Firma Stahlbau Muttenz angefertigten Stahlrohrrahmen formen ließ. Als technische Daten nannte er in Genf wahre Superlative: 450 SAE-PS (rund 360 DIN-PS) aus einem in den USA zugekauften, sieben Liter großen V8-Triebwerk trafen demnach auf lediglich 1.290 Kilogramm Leergewicht (Jahrzehnte später ermittelte man beim US-Zoll jedoch 1.755 Kilogramm als wahres Gewicht). Damit sollten eine Beschleunigungszeit aus dem Stand auf Tempo 100 in 4,9 Sekunden und 290 km/h Höchstgeschwindigkeit ermöglicht werden. Dazu kam ein Preis von 95.000 DM, während beispielsweise ein Ferrari 365 GTB/4 'Daytona' zur gleichen Zeit mit 68.000 DM in den deutschen Preislisten auftauchte. Trotzdem versprach Monteverdi eine Serienfertigung von bis zu einem Fahrzeug pro Monat, wobei er sich jedoch jeden potenziellen Käufer auf seine charakterliche und fahrerische Tauglichkeit hin genau ansehen wolle.

Das violette Präsentationsfahrzeug übergab man in der Folgezeit einigen ausgesuchten Autojournalisten für Fahrberichte. Einer von ihnen war der belgische Rennfahrer und Autotester Paul Frère, der im Gegensatz zu den Werksangaben 6,9 Sekunden bis Tempo 100 brauchte und 270,6 km/h als Höchstgeschwindigkeit ermittelte. Gegen Mitte 1970 folgten schließlich Berichte mit einem rot und dann mit einem silbern lackierten Auto. Heute weiß man, dass es sich um ein und das selbe Fahrzeug handelte, das im Laufe der Zeit diverse Modifikationen wie andere vordere Blinker, an anderen Stellen verbaute Türgriffe und eben die Umlackierung erhielt. Auf diese Weise und mit vollmundigen Versprechungen versuchte Peter Monteverdi die Verbreitung seines Traumsportwagens zu untermauern. Wenige Jahre vor seinem Tod 1998 sprach er immer noch von 12 bis 14 produzierten Autos, was durch das noch nicht weit verbreitete Internet nicht widerlegt werden konnte. Wenn der Hai 450 SS wieder einmal mit einem Defekt während der Testfahrten stehenblieb, musste eigens ein geschlossener Trailer bestellt werden, damit das defekte Fahrzeug nicht in Basel zu sehen war. Inzwischen kann sicher gesagt werden, dass Monteverdi nach dem 1970er Auto (Fahrgestellnummer TNT 101), das als einziges an einen Kunden verkauft werden konnte, 1973 nur noch ein zweites Fahrzeug (TNT 102) anfertigte.

Dieser Hai 450 erhielt den Beinamen GTS, eine zweifarbige Lackierung in Rot und Schwarz (kurzzeitig auch mal Silber und Schwarz), einen 7,2 Liter großen Motor sowie zahlreiche Detailverbesserungen wie einen um 50 Millimeter verlängerten Radstand, wodurch sich im Interieur deutlich mehr Freiraum für den rechten Arm des Fahrers und den linken Arm des Beifahrers ergaben - diese gingen im ursprünglichen Hai 450 SS nämlich auf Kuschelkurs mit der Motorabdeckung des zwar mittig positionierten, aber durch eine klassische Ölwanne sehr hoch aufbauenden V8-Triebwerks. Aus dem gleichen Grund erhielt der Wagen auch nur eine weit oben angebrachte Heckscheibe, die wenig zur Rundumsicht beiträgt. Rund um das Jahr 1990 entstanden schließlich zwei offizielle Werksrepliken (TNT 100 als Kopie von TNT 101 mit langem Radstand und TNT 103 als Kopie von TNT 102), nachdem ein Kunde aus dem arabischen Raum nach einem solchen Wagen gefragt hatte. Letztlich verblieben aber diese beiden Exemplare ebenso wie der Hai 450 GTS (TNT 102) im Werksbesitz und standen bis Ende 2016 im hauseigenen Museum in Basel.

TNT 101 erhielt laut den Recherchen, die Wolfgang Blaube 2006 für einen Artikel in der Oldtimer Markt unternahm, nach rund 18 Monaten und rund 10.000 Kilometern als Testauto einen neuen Tacho nebst nagelneuen Fahrzeugbrief. So als 'Neuwagen' ausgewiesen lieferte Monteverdi das Auto am 5. November 1971 für einen Kaufpreis von 99.900 DM an einen Wiesbadener Nachtclub-Besitzer aus. Mehrere Kupplungsschäden und rund 15.000 Kilometer später beendete im Mai 1972 ein Unfall vorerst weitere Fahrten. Monteverdi kaufte das Auto zurück, reparierte die Schäden und verkaufte es erneut als Neuwagen ohne Laufleistung an einen Bordellbetreiber in Nürnberg für 70.000 DM, der seinerseits 1973 einen Unfall mit dem Hai hatte, bei dem der Beifahrer je nach Quelle sein Bein oder sogar sein Leben verlor. Das Wrack ging an den Nürnberger Sportwagenhändler Joe Blei, in dessen Werkstatt das Fahrzeug ohne Beteiligung von Monteverdi in rund sechs Monaten wieder aufgebaut wurde. Hierzu hatte er erfolglos versucht im Werk eine Windschutzscheibe zu kaufen und diese letztlich in Italien bei der ursprünglichen Herstellerfirma der Scheiben bekommen.

Noch bevor das Auto komplettiert war verkaufte Blei es an einen Nürnberger Sportwagensammler, der es als Pfand für eine von ihm nicht bezahlte Reparaturrechnung an einen Mechaniker weiterreichte, der ihn schließlich komplett zugesprochen bekam. 1982 inserierte er den Hai, worauf ein Sammler aus den USA aufmerksam wurde. Nach einer kleinen Restaurierung bei Fissore in Italien inklusive Umlackierung auf Dunkelrot metallic wechselte der Monteverdi auf die andere Seite des Atlantiks und glänzte 1989 beim Pebble Beach Concours d'Elegance im Licht der Kamera-Blitzlichter. 1996 kaufte der in Kalifornien wohnende Neuseeländer Bruce Milner das einzigartige Fahrzeug und ließ es 2006 umfangreich restaurieren, wobei der originale Zustand von der Weltpremiere in Genf 1970 inklusive der violetten Lackierung reproduziert werden konnte, nachdem sich unter diversen Lackschichten noch genug Material für eine Farbprobe finden ließ. 2006 rollte der Monteverdi erneut auf den gepflegten Golfplatz-Rasen in Pebble Beach, wo er den dritten Platz in seiner Klasse einfuhr. Im Januar 2010 versteigerte das Auktionshaus Bonhams den Hai während der Retromobile in Paris für 398.000 €. Nachdem die Werkssammlung von Monteverdi in Binningen bei Basel an das Verkehrshaus in Luzern übergeben wurde, sind dort diverse Fahrzeuge in der Dauerausstellung zu sehen. Darunter befindet sich nicht nur ein Hai, sondern auch eine originale Holzform für die Blechbearbeitung dieses seltenen Mittelmotorsportwagens.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Monteverdi, Bonhams, Marc Sonnery, Archiv, Matthias Kierse