1968 erstmals fahrerlos durch's Contidrom

50 Jahre autonome Autos von Continental

Auto 24.09.2018
50 Jahre autonome Autos von Continental

Am 11. September 1968 fand auf dem Contidrom in der Nähe von Hannover etwas Unglaubliches statt. Zum ersten Mal umrundete ein Testfahrzeug das 2,8 Kilometer lange Hochgeschwindigkeitsoval der Reifenteststrecke des Automobilzulieferers in Jeversen, ohne dass dabei ein Fahrer hinter dem Steuer saß. Die damalige Presse in Deutschland war begeistert. Mehr als 400 Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender berichteten und brachten dabei Schlagzeilen wie "Die Zukunft hat schon begonnen" oder "Mit dem Geisterfahrer durch die Steilkurve". Man muss sich die damalige Zeit hierfür vor Augen führen. In den Autos gab es nur selten eine Servolenkung, an ABS, ESP, Airbags oder die neuesten Generationen elektronischer Fahrhelfer war nichtmal zu denken. Auch in der sonstigen Technikwelt sah es anders aus als heute: Digitalkameras gab es ebensowenig wie GPS-Navigation oder platzsparende SD-Festplatten mit hoher Speicherkapazität. Was heute in modernen Fahrzeugen wie dem Tesla Model X wenig Bauraum einnimmt, sprengte damals die Vorstellungskraft vieler Autofahrer.

Letztlich nutzte Continental geschickt den zur Verfügung stehenden Platz in einem Mercedes-Benz 250 Automatik aus der /8-Baureihe aus, arbeitete jedoch auch mit einem kleinen Trick. Während im Fahrzeug die damals modernste Elektronik für die Ansteuerung von Gestängen und Zahnrädern sorgte, die dann Gas, Bremse und Lenkung bedienten, half ein auf der Fahrbahn ausgelegter Draht dem System bei der Wegfindung. Dieser mit dem Asphalt verklebte Draht stand unter Strom und sandte damit ein Magnetfeld aus, das von Messspulen vorn und hinten am Wagen erkannt wurde. Sofern der Wagen den Draht einmal verlor, wurde sofort eine Notbremsung ausgelöst. Zudem wurden Messwerte per Funk an eine Station am Streckenrand übertragen, um bei Bedarf manuell die elektropneumatische Bremsanlage zu aktivieren. Außerdem konnten über den Fahrdraht Befehle wie Gas geben, bremsen oder hupen vom Leitstand ans Auto gesendet werden.

Während heutzutage diverse Automarken an fahrerlosen Autos für den täglichen Individualverkehr arbeiten und einzelne bereits mehr oder weniger weit entwickelte Systeme in Serie verbauen, wollte Continental das System für den autonom fahrenden Mercedes-Benz 250 Automatik keinesfalls für die Serienproduktion anbieten. Stattdessen ging es dem Konzern darum, Reifentests noch vergleichbarer zu gestalten, indem die menschliche Komponente aus den Fahrten genommen wurde. So stieg die Präzision der erzielten Ergebnisse und zugleich konnte das 1967 eröffnete Contidrom erstmals voll ausgelastet werden. Intern lief der Wagen als 'E-Auto', was nicht wie heutzutage üblich auf einen elektrischen Antrieb, sondern auf die elektronische Steuerung hinweisen sollte.

Zwischen 1968 und 1974 probierten die Ingenieure von Continental immer wieder, das System zu verbessern und auch bei nasser Fahrbahn und möglichem Aquaplaning Kurven zu durchfahren. Allerdings verlor der Wagen immer wieder den Draht und konnte ihn ohne menschlichen Fahrer nicht wiederfinden. Auch die exakte Ausrichtung der Fahrspur für einen Bereich mit Glasplatte, unter der eine Hochgeschwindigkeitskamera bis zu 10.000 Bilder pro Sekunde macht, um das Abrollverhalten des Reifenprofils zu dokumentieren, erwies sich als schwierig. Dafür diente das 'E-Auto' als Attraktion für Besucher des Contidroms. 1974 wurde der Prototyp stillgelegt und existiert wohl nicht mehr. Heute, 50 Jahre später, nahm Continental auf dem firmeneigenen Testgelände in Texas/USA ein neues, fahrerloses Reifentestfahrzeug in Betrieb. Diesmal allerdings basierend auf modernster Technologie von heute mit Integrierung von Kameras, Sensoren und Navigationsdaten. Mal abwarten, wie wir in 50 Jahren auf diese Versuche zurückschauen werden. Übrigens: Continental sprang zwar früh auf den autonomen Autozug auf, war allerdings nicht der erste Hersteller weltweit.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Continental AG