Vom Konzept zur Serie

50 Jahre Alfa Romeo Montreal

Auto 26.03.2020
50 Jahre Alfa Romeo Montreal

Eigentlich hätte es das Fahrzeug, dessen rundes Jubiläum wir hier heute zelebrieren wollen, nie im offiziellen Plan des Herstellers gegeben. Auslöser für die Entstehung war ein Anruf der Organisatoren der Weltausstellung Expo 1967 bei der Geschäftsführung von Alfa Romeo. Im Hinblick auf die Zukunftsausrichtung dieser Messe wollte man das Grundthema 'Der Mensch und seine Welt' in allen Facetten beleuchten. Ein Teilbereich widmete sich dem Motto 'Der Mensch als Produzent' (Man the Producer) als Ausstellungsfläche industriell hergestellter Güter. Dazu zählt zweifelsfrei auch das Automobil. Warum genau man in Kanada auf die Idee kam, hierfür stellvertretend bei Alfa Romeo anzurufen, um ein aufsehenerregendes Konzeptfahrzeug anzufragen, entzieht sich unserer Kenntnis. Die Namenswahl 'Montreal' für dieses Auto erscheint hingegen logisch: in dieser kanadischen Metropole fand die Expo 1967 statt. Allerdings war die Studie auf dem Hinweg zur Messe noch namenlos. Die Bezeichnung entwickelte sich im Laufe der Expo als Rufname und wurde schließlich offiziell übernommen.

Alfa Romeo tat sich mit dem Designhaus Bertone zusammen, wo zu jener Zeit der junge und talentierte Autodesigner Marcello Gandini seinen Aufstieg an die Weltspitze seiner Zunft antrat. Er entwarf ein außergewöhnliches Coupé mit ineinander verschmolzenen B- und C-Säulen, Lamellengittern vor den Scheinwerfern und seitlichen Lufteinlässen hinter den Türen, die darauf hindeuten, dass er sich einen Mittelmotor als Antriebskonzept vorstellte. Dieser hätte von Passanten durch die große gläserne Heckklappe betrachtet werden können. Mit lediglich 4,22 Metern Länge war die Montreal Studie sehr kompakt gestaltet. Zwei fahrfähige Exemplare entstehen für die Weltausstellung, allerdings aus Zeit- und Finanzgründen auf Basis der Giulia mit Vierzylinder-Frontmotor. In Montreal stehen beide so zwischen Spiegeln ausgestellt, dass sie optisch unendlich vervielfacht wurden. Bis zu 500.000 Expo-Besucher pro Tag sahen sich unter anderem auch diesen Sportwagen an. Schon bald häuften sich bei Alfa Romeo Anfragen aus Nordamerika und der restlichen Welt, die eine Serienversion des weiß lackierten Prototypen wünschten.

Da sich hier eine unerwartete Absatzquelle auftat, erteilte die Geschäftsführung alsbald grünes Licht für das Projekt 'Montreal' an die Entwicklungsingenieure. Im Vergleich zur Studie veränderte man nur relativ wenige Details. Gandinis Coupé-Entwurf musste an kleinen Stellen an geltende Zulassungsvorschriften angepasst werden. So blieben die Grillgitter vor den Scheinwerfern zwar erhalten, klappen beim Einschalten des Lichts jedoch automatisch nach unten. Die eigentlich zur Luftzuführung eines Mittelmotors vorgesehenen Schlitze an den Fahrzeugseiten dienten beim Serienfahrzeug lediglich zur Entlüftung des Innenraums. Hinter dem dreispeichigen Holzlenkrad finden sich zwei große Rundinstrumente und eine Vielzahl weiterer Anzeigen. Fahrer und Beifahrer nehmen auf bequemen Sportsitzen Platz, hinter denen sich zwei Notsitze befinden.

Beim Chassis griff man weiterhin in den Grundzügen auf jenes der Giulia GT zurück. Allerdings erlaubten einige zusätzliche Versteifungsmaßnahmen den Einbau des V8-Triebwerks aus dem Rennsportwagen Tipo 33. Während die Trockensumpfschmierung und die Fertigung aus Aluminium erhalten blieben sorgten einige Anpassungsarbeiten an den Motorkomponenten für eine höhere Alltagstauglichkeit. Der Hubraum wurde von zwei auf 2,6 Liter vergrößert, eine mechanische Benzineinspritzung der Società Pompe Iniezione Cassani & Affini (SPICA) verbaut und dadurch die Serienleistung auf solide 147 kW/200 PS und 243 Newtonmeter Drehmoment gebracht. Ein manuelles Fünfgang-Getriebe überträgt diese auf die Hinterachse mit Sperrdifferenzial. Nach nur 7,6 Sekunden erreicht das Coupé Tempo 100 und als Höchstgeschwindigkeit bis zu 219 km/h.

Für die Produktion des Montreal tat sich Alfa Romeo mit Bertone zusammen. Dort erfolgte die Fertigung und Lackierung der Karosserie. Anschließend sorgte das Alfa-Werk in Arese für die Komplettierung mit Technik-Komponenten und Interieur. Durch die Ölkrise der Jahre 1973 und 1974 blieben die Verkaufszahlen deutlich hinter den Erwartungen zurück. Bis 1977 entstanden lediglich 3.925 Exemplare. Während der deutsche Neupreis 1975 bei 35.000 DM lag, kosten gute Fahrzeuge heute zwischen 60.000 und 85.000 €.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Alfa Romeo