Des Bullis grosser Bruder

45 Jahre Volkswagen LT

Auto 11.05.2020
45 Jahre Volkswagen LT

Über den legendären Volkswagen Bulli in den verschiedenen T-Baureihen gibt es reichlich Lesematerial in den allermeisten Sprachen dieser Welt. Etwas anders sieht es da beim großen Modellbruder aus, der ab April 1975 das Programm bereicherte. Vermutlich liegt dies vor allem an der nüchternen Sachlichkeit, mit der dieses Modell zweckgebunden für den Nutzfahrzeugbereich zwischen 2,8 und 3,5 Tonnen Nutzlast entwickelt wurde. Diese drückt sich bereits bei der Namensgebung aus: Das Kürzel LT steht schlicht und ergreifend für 'Lasten-Transporter'. An diese Abkürzung hängte man der Einfachheit halber die Zahlen 28, 30 oder 35 für das jeweilige maximal zulässige Gesamtgewicht von 2,8, 3,0 oder 3,5 Tonnen. Während es untenrum ab Produktionsstart drei verschiedene Radstände und obenrum eine Vielzahl von Variationen mit flachem oder hohem Dach, Pritsche, verglastem oder verblechtem Laderaum oder Sonderaufbauten auf Fahrgestellen mit Kabine gab, zeigte sich die Fahrerkabine zweckmäßig zurückhaltend. Wo der T1 durch sein Design einen gewissen Niedlichkeitsfaktor einheimst und seine Nachfolgemodelle T2 und T3 aufgrund der mit angestrebten Privatkundschaft auch noch als PKW optisch gut funktionieren mussten, galt beim LT einzig die bestmögliche Raumausnutzung als Entwicklungsziel.

Um dieses Ziel noch besser als bei den Transporter-Baureihen T1, T2 und T3 zu erreichen, verlegte man den Motor hinter die Vorderachse. Damit saß er faktisch längs zwischen Fahrer und Beifahrer, trieb aber weiterhin die Hinterachse an. Wie beim kleineren Modell vertraute man auf das Frontlenkerkonzept, bei dem die vorderen Passagiere über der Vorderachse sitzen. Im Vergleich zum T3 war der kürzeste LT lediglich 33 Zentimeter länger und 20 Zentimeter breiter, bot jedoch rund 50 Prozent mehr Ladevolumen. Anfänglich gab es einen zwei Liter großen Benzinmotor mit Vergasertechnik und 75 PS sowie ab Anfang 1976 ein bei Perkins Engines zugekaufter Vorkammer-Saugdieselmotor mit 65 PS. Den Benziner gab es zeitweise auch im Audi 100 sowie mit mechanischer Benzineinspritzung auch im Porsche 924, der ursprünglich als neuer VW-Sportwagen entwickelt wurde. Bereits 1978 rückte ein 2,4 Liter Sechszylinder-Dieselmotor mit Wirbelkammertechnologie und vier Jahre später erstmals ein Turbodieselmotor mit 102 PS nebst einem 2,4 Liter großen Benziner mit 90 PS. Ab diesem Zeitpunkt wanderte der Motor rund zehn Zentimeter weiter nach hinten und wurde stärker geneigt eingebaut, um Nebenaggregate besser unterbringen zu können. Im Innenraum ermöglichte diese Veränderung nun auch den Einbau einer Doppelsitzerbank auf der Beifahrerseite.

Zehn Jahre nach der Premiere veränderte ein erstes größeres Facelift den LT optisch durch den Einsatz von eckigen anstelle von runden Scheinwerfern. Zugleich führte VW den LT 55 mit 5,6 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht und den zuschaltbaren Allradantrieb im LT 4x4 ein. Bereits seit 1979 gab es den LT auch als 40 und 45 mit starrer Vorderachse, die es optional auch im LT 35 sowie serienmäßig im LT 50 und LT 55 gab. Für das Modelljahr 1993 erfolgte eine finale Modellpflege, die von außen durch einen neuen Kühlergrill und geänderte Rückleuchten zu erkennen ist. Motorenseitig reduzierte Volkswagen das Programm dabei auf einen 94 PS starken Benziner sowie einen 95 PS starken Turbodiesel. Erstaunlich fanden viele Handwerker und Gewerbekunden die Ergonomie im Cockpit, die Volkswagen bereits während der Grundentwicklung des LT gemeinsam mit Arbeitswissenschaftlern erarbeitete. Dabei ordnete man die Instrumentierung und Bedienelemente im Blickfeld des Fahrers an, gestaltete die Frontscheibe möglichst groß und sorgte für ordentlich dimensionierte Außenspiegel. Hinzu kam ein komfortabl abgestimmtes Fahrwerk mit Einzelradaufhängung an der Vorderachse. Nach rund 470.000 produzierten Exemplaren endete die Produktion der ersten LT-Generation 1996. Wieviele davon heute noch existieren ist schwer zu sagen. Viele wurden wohl gefahren, bis sie im wahrsten Wortsinne auseinandergefallen sind.

Ursprünglich wollte Volkswagen bereits in den 1970er Jahren ein großes leichtes Nutzfahrzeug gemeinsam mit Mercedes-Benz entwickeln. Letztlich kam es zu dieser Zusammenarbeit jedoch erst über 20 Jahre später, als man die zweite Modellgeneration des LT gemeinsam mit dem Mercedes-Benz Sprinter auflegte. Damit vollzog man parallel zum bereits 1991 präsentierten T4 auch beim LT den Wechsel zum vorn vor der Passagierkabine untergebrachten Motor, wodurch man zwischen den Vordersitzen hindurch in den Laderaum gelangen konnte. Nach fast 340.000 gebauten Fahrzeugen erfolgte 2006 der Wechsel zum wieder gemeinsam mit Mercedes-Benz entwickelten Crafter, der bis 2016 rund 480.000-mal vom Band lief. Seither gibt es die zweite Generation des Crafter, die wieder eine reine VW-Entwicklung ist. Weltweit rollen von diesem Modell bereits mehr als 290.000 Stück herum.

Reine Arbeitstiere wie den ersten Volkswagen LT vermisst man erst dann im Straßenbild, wenn sie bereits seit vielen Jahren aus dem selbigen verschwunden sind. Entsprechend erfreulich ist es, dass ein paar Exemplare inzwischen den Sprung zum Liebhaberfahrzeug geschafft haben und von Enthusiasten restauriert wurden. Auf diese Weise bleiben auch einst alltägliche Anblicke für die Nachwelt erhalten.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Volkswagen Nutzfahrzeuge