Treppenwitz der Autogeschichte

40 Jahre Yugo

Auto 25.02.2020
40 Jahre Yugo

"Warum hat der Yugo eine beheizbare Heckscheibe? Damit du warme Hände hast, wenn du ihn schiebst!" Dieser und ähnliche Witze ranken sich um ein Fahrzeug, das ab November 1980 aus dem ehemaligen Jugoslawien auch in den Export rollte. In Kragujevac im heutigen Serbien lag die Keimzelle für dieses Fahrzeugprojekt, für das wir ein klein wenig weiter in der Zeit zurückgehen müssen. 1851 eröffnete das Vojno-Tehnicki Zavod (Militärtechnisches Institut) in Kragujevac, die zwei Jahre später eine Gießerei für Kanonenrohre unter dem Namen Zastava gründete. Zusätzlich nahm man ab den 1880ern die Produktion von Gewehren und Pistolen auf. Qualitativ und quantitativ gehörte Zastava schnell zu den besten Firmen Europas. Ab 1904 kümmerte sich ein eigener Firmenzweig um Reparaturen und Ersatzteilanfertigungen für Automobile. In den 1930er Jahren nahm man in Lizenz die Fertigung von Ford LKWs auf, die an die jugoslawische Armee geliefert wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es erst zur Herstellung von Willys Jeeps und schließlich 1955 zu einer Zusammenarbeit mit Fiat, wodurch in Kragujevac die Modellreihen 1100B, 1400, Campagnola und 600 für den jugoslawischen Markt sowie weitere Länder rundherum in Produktion gingen. Weitere Modellreihen folgten. Durch den sich immer weiter zuziehenden Eisernen Vorhang belieferte Zastava bald alle osteuropäischen Länder  und konnte 1965 beispielsweise den Export von 6.000 Fahrzeugen nach Polen feiern. Hinzu kamen weiter entfernte Länder wie China und Ägypten.

Wie bei anderen Firmen, bei denen sich Fiat beteiligte - beispielhaft seien hier Seat und Lada genannt - machte man sich auch bei Zastava daran, auf Basis der zugelieferten technischen Komponenten eigenständige Autos für die Marktbedürfnisse vor Ort zu erschaffen. Bereits 1977 stand ein erster Prototyp auf seinen Rädern, bei dem bis heute nicht ganz klar ist, wieviel Hilfe die serbischen Ingenieure während der Design- und Konstruktionsphase aus Italien erhalten haben. Angeblich hatte Fiat bereits eine verkürzte Version des 128 angedacht, letztlich jedoch für den westeuropäischen Markt verworfen und die Entwürfe stattdessen nach Kragujevac geschickt. Bis zum Serienanlauf vergingen allerdings noch drei Jahre. Eigentlich hätte das Modell das Zahlenkürzel 102 tragen sollen, was man jedoch kurz vor Verkaufsstart verwarf. Unter dem Namen Yugo, der auf die Herkunft hinweisen sollte, stand der Kleinwagen schließlich bei den Zastava-Händlern in Osteuropa. In der Urversion erhielt er als Beinamen die Zahl 45, die auf die Leistung des 0,9 Liter großen Vierzylindermotors hinweist. Im Laufe der Jahre folgten aus gleichem Grund die Zahlenanhänge 55, 60 und 65, wobei die beiden letztgenannten ausschließlich für den Export nach Europa, Lateinamerika und in die USA vorgesehen waren und schließlich auch mit elektronischer Saugrohreinspritzung anstelle von Vergasern erhältlich waren. Selbst rechtsgelenkte Fahrzeuge für Großbritannien entstanden ab 1983. In einigen Ländern hieß das Auto offiziell nie Yugo, sondern Zastava Koral.

Ja, richtig gelesen, Zastava exportierte den Yugo tatsächlich auch in die USA. Der dortige Importeur Malcolm Bricklin ist manchem Autofan eventuell durch den von ihm erdachten und schwer gefloppten Kunststoffsportwagen SV-1 bekannt. Er begründete zudem Subaru of America (1968) und importierte auf eigene Faust sowohl den Fiat X1/9 als auch den Fiat 124 Spider in die USA. Anstelle einer Zahl trug der Yugo in den USA den Beinamen GV (für 'Good Value'), gefolgt von der jeweiligen Ausstattung. Verfügbar waren bis zum Exportende 1992 je nach Baujahr GVC, GVL, GVS, GVX, GV Plus Automatic und GV Sport. Auf Wunsch von Bricklin erhielten die US-Modelle rund 500 Detailveränderungen im Vergleich zu den europäischen Fahrzeugen und entstanden auf einer eigenen Fertigungsstraße in Kragujevac durch besser bezahlte Arbeiter. Die Verbesserungen halfen auch der normalen Produktion und so gelten Fahrzeuge aus dem Zeitraum zwischen 1988 und Anfang 1991 bis heute als die besten je gebauten Yugos. Ab 1988 gab es zudem zusätzlich die viersitzige Cabrio-Variante.

Trotzdem konnten selbst die besten Exemplare nie die Erwartungen der Kundschaft in Westeuropa und den USA erfüllen. Während dort bereits gepolsterte Armaturenbretter, Airbags und manch andere Komfortoptionen zur Serienausstattung gehörten, merkte man dem Yugo seine Basis aus den späten 1970er Jahren weiterhin an. Hinzu kam das kantige Design, das in Großbritannien zu dem Urteil: "Ein gutes kleines Auto, aber möchten Sie in einem gesehen werden?" führte. Als schließlich der Jugoslawienkrieg ausbrach und dadurch die Fertigungsqualität spürbar nachließ, war es um den Ruf des Modells endgültig geschehen. Da diverse Komponenten aus Slowenien und Kroatien kamen, mit denen Serbien im Kriegszustand war, mussten Fahrzeuge ab 1992 aus übriggebliebenen Teilen zusammengesetzt werden. Dies führte nicht selten dazu, dass Kunden ein Auto mit blauem Armaturenbrett, braunem Lenkrad und unterschiedlich bezogenen Sitzen erhielten, bei dem der Tacho zudem in Meilen statt Kilometern pro Stunde anzeigte. Nach dem Bürgerkrieg begann sich die Situation gerade wieder zu verbessern, als wegen des Kosovo-Konflikts die Fertigung in Kragujevac durch die NATO bombardiert wurde, da dort weiterhin auch die Mutterfirma für Rüstungsgüter beheimatet war. Allerdings trafen die Bomben die Automobilproduktion und nicht die eigentlich angestrebten Hallen für Gewehre, Kanonen und ähnliches. Durch die Platzierung des Yugo als einen der günstigsten Neuwagen im jeweiligen Markt betrug die Zahl produzierter Autos am Ende der Fertigung am 11. November 2008 letztendlich trotz des schlechten Rufs beachtliche 794.428 Exemplare, von denen über 140.000 in die USA und weitere 110.000 in andere Länder exportiert wurden.

Auch wenn der Yugo nie so schlecht war, wie es sein Ruf (zumindest in den USA) versprach, möchten wir an dieser Stelle zumindest ein paar nette Yugo-Witze nennen.



  • Wie verdoppelt man den Wert eines Yugo? Man füllt den Tank auf oder legt zwei Packungen Milch auf die Rückbank.

  • Was befindet sich auf der letzten Seite der Yugo-Betriebsanleitung? Der Busfahrplan.

  • Was hat ein Yugo mit einem Ferrari gemeinsam? Der Ferrari beschleunigt von 0 auf 100 in 4 Sekunden, der Yugo beschleunigt von 0 auf 4 in 100 Sekunden.

  • Wie repariert man einen kaputten Yugo? Man nimmt die Radkappe ab, wirft ihn über eine Klippe und befestigt die Radkappe an einem neuen Yugo.

  • Wie nennt man einen Yugo auf einem Berggipfel? Ein Wunder.

  • Yugos kommen jetzt auch mit Airbags. Sobald Sie einen Unfall kommen sehen, müssen Sie allerdings schnell und sehr stark pusten.

  • Wie macht man einen Yugo schneller? Lassen Sie ihn abschleppen.

  • Ein junger Mann betrat kürzlich einen Autohandel und sagte: "Ich hätte gern einen Tankdeckel für meinen Yugo." "Klingt wie ein fairer Handel", bekam er zur Antwort.

  • Wie nennt man einen Yugo mit plattem Reifen? Totalschaden.

  • Was ist der sehnlichste Wunsch eines Yugo-Besitzers? Der Kauf eines Autos.

  • Wie macht man einen Yugo bergauf schneller? Man schmeißt die Insassen raus.

  • Wie macht man einen Yugo bergab schneller? Man macht den Motor aus.

  • "Oh, ich sehe du hast einen neuen Yugo." "Ja, ich habe den zweiten Platz in einem Gewinnspiel gewonnen." "Was war der Hauptpreis?" "Ein Obstkorb."



Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Zastava, Archiv