Sportwagen mit drei Sitzen

40 Jahre Talbot-Matra Murena

Auto 08.05.2020
40 Jahre Talbot-Matra Murena

Besondere Sportcoupés aus Frankreich kamen über Jahrzehnte hinweg von Matra. Dieses im Flugzeug- und Rüstungsbau beheimatete Unternehmen wurde während der deutschen Besatzungszeit im Jahr 1941 gegründet und heißt eigentlich 'Mécanique Avion Traction'. Da man sich schnell eine hohe Kompetenz in der Kunststoffverarbeitung erarbeitete, gab es bald Bestrebungen auch in den Fahrzeugbau einzusteigen. 1964 übernahm man den französischen Kleinserienhersteller 'Automobiles René Bonnet', das man als Tochterunternehmen zu 'Matra Automobile' umbenannte, um die neuen Produkte nicht mit den Militärgütern des Mutterkonzerns in Verbindung zu bringen. Bis 1967 lief die Produktion des Bonnet Djet als Matra-Bonnet Djet (ab 1965 als Matra Djet) weiter. Dann folgte der Matra 530 als viersitziger Mittelmotorsportwagen. Hierbei setzte man erstmals ein Stahlchassis mit Kunststoffkarosserie ein, was bei allen folgenden Modellen so blieb.

Etwa 1970 gab der Matra-Konzern den Vertrieb der Automobilabteilung an Simca, damals bereits die französische Niederlassung des Chrysler Konzerns. Dadurch veränderte sich der Markennamen auf Matra-Chrysler-Simca, wobei am neuen Serienmodell Bagheera nur 'Matra-Simca' stand. Der Modellname entstammte dem Dschungelbuch von Rudyard Kipling. Ein außergewöhnliches Detail dieses Sportcoupés waren die drei nebeneinander angeordneten Sitze, wobei der Fahrer ganz links Platz nimmt. Vom Bagheera entstanden mehrere tausend Exemplare pro Jahr. Diesem Modell stellte man ab 1977 das Freizeitmobil Simca-Matra Rancho zur Seite, mit dem man im Hinblick auf die heutigen SUVs gute 30 Jahre zu früh kam. Ein Jahr später entschied sich der finanziell stark angeschlagene Chrysler Konzern zum Verkauf aller europäischen Tochterfirmen an die PSA Gruppe. Dort hatte man jedoch kein großes Interesse an Matra, weshalb Matra Automobile wieder in den Rüstungskonzern integriert wurde. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits relativ weit vorangeschrittene Pläne für das Nachfolgemodell des Bagheera. Beim Rancho hatte der Markennamen auf Talbot-Matra gewechselt. Er stand bis 1983 in den Showrooms der Talbot-Händler.

Matra versuchte im Alleingang den quasi fertig entwickelten neuen Sportwagen zur Serienreife zu bringen. Hierfür plante man ursprünglich die Nutzung des sogenannten PRV-Motors ein, einem V6-Triebwerk, das von Peugeot, Renault und Volvo gemeinsam entwickelt worden war. Zur gleichen Zeit entstand jedoch auch die Renault-Alpine A310, die diesen Motor nutzte. Renault schloss daher den Verkauf von Antriebsaggregaten an Konkurrenzmarken aus. Da es innerhalb Frankreichs keine weiteren Alternativen gab, fragte Matra doch wieder beim PSA-Konzern an und erhielt von dort schließlich 1,6 und 2,2 Liter große Vierzylindermotoren von Talbot aus den Modellen Tagora und Solara, die ihre Leistung von 92 oder 118 PS in Transaxle-Bauweise an das Fünfgang-Getriebe vom Citroën CX übertrugen. Im finalen Modelljahr 1983 gab es zusätzlich den 2,2-Liter-Motor mit zwei Doppelvergasern, scharfer Nockenwelle und 142 PS im 2.2S.

Gemeinsam mit dem ehemaligen Formel-1-Rennfahrer Jean-Pierre Beltoise und unter der Leitung von Philippe Guédon entwickelte man ein sportlich abgestimmtes Fahrwerk mit der Vorderradaufhängung und Lenkung des Talbot Horizon und eine größtenteils aus feuerverzinktem Stahl hergestellte Rohkarosserie mit wenigen Anbauteilen aus Kunststoff sowie den Türgriffen des Peugeot 505 und den Rückleuchten des Talbot Horizon. Das neue Modell mit dem Namen Murena war das erste Serienfahrzeug der Welt mit Feuerverzinkung sämtlicher Stahlbauteile. Durch Klappscheinwerfer und das keilförmige Design von Antonis Volantis erreichte man einen cW-Wert von 0,328.

Innen übernahm man das dreisitzige Konzept vom Vorgängermodell Bagheera, weswegen es ab Werk ausschließlich Linkslenker gab. Ein paar Firmen boten in Großbriannien allerdings den nachträglichen Umbau auf Rechtslenkung an. Per Hebel konnte die Rückenlehne des schmaleren Mittelsitzes umgeklappt und als große Armlehne für Fahrer und Beifahrer genutzt werden. Bei der Gestaltung des Armaturenbretts griff man auf Details des Bagheera zurück, jedoch in einer weniger futuristischen und eher für die 80er typischen Ausprägung. Die vergleichsweise großen Glasflächen verhalfen dem Murena zu einer ungewohnt guten Rundumsicht für ein Mittelmotorauto. Zudem integrierte man hinter dem Triebwerk einen kleinen Kofferraum, der durch die als Heckklappe fungierende große Scheibe erreichbar war. Vorn verschenkte man die Chance auf weiteren Gepäckraum durch die Unterbringung des Reserverades, diverser Komponenten der Bremsanlage und des Scheibenreinigungssystems. Zwischen September 1980 und Juli 1983 liefen insgesamt 10.860 Exemplare des Talbot-Matra Murena vom Band, davon 5.640 als 1.6, 4.560 als 2.2 und nur 480 vom Topmodell 2.2S. Anschließend endete die Zusammenarbeit mit dem PSA-Konzern endgültig und Matra wandte sich einer engen Kooperation mit Renault zu, für die man bereits seit 1978 den Minivan Espace entwickelte, der 1984 endlich in Serienfertigung ging. Die ersten drei Modellgenerationen des Espace sowie das ungewöhnliche Van-Coupé Avantime waren die letzten größeren Projekte aus dem Hause Matra, bevor dieses 2003 in Insolvenz ging. Die Autosparte ging an Pininfarina und dient nur noch der Entwicklung umweltfreundlicher Nahverkehrsfahrzeuge. Am Firmensitz in Romorantin-Lanthenay gibt es das sehenswerte Matra Automuseum mit einem Überblick über alle Renn- und Straßenfahrzeuge der Marke. Heute kann man den Talbot-Matra Murena je nach Zustand zwischen 5.000 und 20.000 € erwerben, wobei für den 2.2S aufgrund seiner Seltenheit entsprechende Aufpreise gezahlt werden.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Archiv Secret Classics