Finale Auflage des Trabant

30 Jahre Trabant 1.1

Auto 08.04.2020
30 Jahre Trabant 1.1

Im vergangenen Jahr feierte Deutschland das 30-jährige Jubiläum der Maueröffnung. Was die Aufhebung dieser Trennung zwischen Ost und West für viele Menschen bedeutet hat, wurde in diversen Magazinen, TV-Shows und auf anderen Kanälen umfangreich beleuchtet. Dass es jedoch auch weniger erfreute Stimmen gab, kam ein wenig zu kurz. Wir reden dabei nicht von den Partei-Oberen der ehemaligen DDR, sondern von den wenigen technischen Vordenkern, die immer wieder versuchten, aus der Mangelwirtschaft hinter dem Eisernen Vorhang das bestmögliche zu machen. Eine solche Truppe dürfte sich bei der VEB Sachsenring Automobilwerke in Zwickau befunden haben. Hier arbeitete man kontinuierlich an Verbesserungen des legendären Trabant, der seit 1964 als P601 angeboten wurde.

Nach verschiedenen Projekten eines Nachfolgemodells, die allesamt von Regierungsseite aus abgelehnt wurden, gab es ab Mitte der 1980er Jahre endlich Hoffnung auf Besserung. Der Industrieverband Fahrzeugbau (IFA) erwarb 1984 bei Volkswagen in Westdeutschland Lizenzen zur Fertigung der Vierzylindermotoren mit 1,1 und 1,3 Liter Hubraum. Damit sollte auch in der DDR endlich der Umschwung zum Viertakt-Triebwerk eingeläutet werden. Die blauen Ölfahnen der Zweitakter gehörten in anderen Ländern bereits seit Jahrzehnten der Vergangenheit an. Das größere Triebwerk sah man für Nachfolgemodelle des Wartburg und des Kleinbus Barkas B1000 vor, während der 1,1-Liter-Motor in den Trabant-Nachfolger wandern sollte. Letztlich kosteten die Lizenzen und die Einrichtung der Motorenfertigung im VEB Barkas-Werk in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) soviel Geld, dass die Entwicklung der besagten neuen Modelle ins Stocken kam. Stattdessen kam der Gedanke auf, die Technik in die vorhandenen Fahrzeuge einzubauen, was jedoch nicht ohne tiefgreifende Veränderungen möglich war.

Im Falle des Trabant 1.1 erhielt der komplette Vorderwagen unterhalb der aus Phenolharz und Baumwolle gepressten Kunststoff-Karosserie eine deutliche Verstärkung, um sowohl das Triebwerk als auch die neue MacPherson-Vorderachse mit Scheibenbremsen aufzunehmen. Hinzu kamen neu geformte Kunststoff-Stoßstangen, ein modernisierter Kühlergrill, eine modifizierte Motorhaube aus Blech, ein nach hinten rechts verlegter Tankeinfüllstutzen und neue Rückleuchten. Die notwendigen Anpassungsarbeiten dauerten bis 1988. Dann verließen erste Nullserienfahrzeuge die Fertigungshallen, um im Fahrversuch mögliche Probleme herauszufinden. Neben der zweitürigen Limousine und der Kombiversion Universal gab es den offenen Tramp mit rudimentärem Faltverdeck als Ableitung des alten Trabant Kübelwagens und eine Pickup-Variante mit offener Ladefläche, von der jedoch nur zwei Exemplare entstanden sind. Von der DDR-Regierung erging derweil der Beschluss, den 1.1 bis 1994 parallel zum P601 zu fertigen und rund um den Jahreswechsel 1995/96 eine neue Karosserie für den 1.1 anzubieten. Mit den Auswirkungen der plötzlichen Maueröffnung rechnete zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Erst im Mai 1990 begann die Produktion des Trabant 1.1, nun gebaut durch die Sachsenring Automobilwerke GmbH. Und obwohl der 1.1 zweifelsfrei basierend auf den reinen technischen Daten der beste Trabant aller Zeiten war, kam er für das veränderte Weltbild schlicht zu spät. DDR-Kunden wünschten sich nichts sehnlicher als Westautos und Kunden aus Westeuropa belächelten den in die Jahre gekommenen Entwurf als nett gemeinten Scherz der Ostzone. Der Spitzname 'Mumie mit Herzschrittmacher' macht dies wohl am deutlichsten.

Die Preissteigerung von rund 6.000 Ostmark auf nun 18.900 Ostmark für die Limousine des Trabant 1.1 tat ihr übriges zur Unbeliebtheit dieser Version. Einzig die alten RGW-Lieferverträge mit Polen und Ungarn sorgten dafür, dass dorthin größere Mengen des Wagens exportiert wurden. In Westdeutschland versuchte sich die Firma IVM daran, den Kleinwagen als 'Caro Tramp 110' in knallbunten Farben für unter 6.000 DM anzubieten, was jedoch ebenfalls misslang. Eigentlich gab es für den 1.1 nur die Außenfarben 'Togaweiß', 'Papyrusweiß', 'Gelb', 'Gletscherblau' sowie 300 Exemplare (eine Tagesproduktion) in 'Delphingrau'. Nach lediglich 39.474 Exemplaren endete die Fertigung des Trabant 1.1 bereits am 30. April 1991 wieder. Vier Jahre später tauchten plötzlich 444 Fahrzeuge als 'Last Edition' unter anderem im Programm des Discounters Allkauf auf. Diese Autos waren eigentlich in die Türkei exportiert worden, standen dort aufgrund des in Konkurs gegangenen Importeurs allerdings jahrelang unter freiem Himmel im Zollhafen von Mersin und wurden letztlich von einer deutschen Firma zurückgeholt. Nach einer Aufbereitung und modifizierten Typenschildern in glänzendem Messing gingen die 1.1er in den Verkauf und waren zeitweise die günstigsten Neuwagen auf dem deutschen Markt. Allerdings hielt sich auch hier das Interesse in engen Grenzen. Ein Fahrzeug ging an den bekannten Musiker Udo Lindenberg.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Trabant, Stiftung AutoMuseum Volkswagen, Matthias Kierse