Zwei Jahre vor dem Smart

25 Jahre Opel Maxx

Auto 05.06.2020
25 Jahre Opel Maxx

Wenn Sie an einen besonders kompakten Stadtwagen mit zweifarbiger Gestaltung und verbrauchsarmen Antrieb denken sollen, welches Fahrzeug haben Sie dann vor Augen? Vermutlich den von Mercedes-Benz in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Uhrenunternehmen Swatch erdachten und schließlich nach dem Rückzug der Eidgenossen im Alleingang ab 1998 in Serie gefertigten Smart. Die Idee eines solchen Autokonzeptes unterhalb der klassischen Kleinwagen war jedoch nicht neu. Bereits in den 1980er Jahren befassten sich verschiedene Hersteller und Hochschulen mit entsprechenden Fahrzeugen. Nicolas Hayek, der Leiter der Swatch-Gruppe, wollte seine Pläne von einem umweltfreundlichen Kleinwagen mit austauschbaren Karosserieteilen, der auch in speziellen Waggons der Bahn auf längere Reisen mitgenommen werden sollte, ursprünglich gemeinsam mit Volkswagen verwirklichen, wo sogar bereits erste Prototypen aufgebaut und in den Fahrversuch geschickt wurden. Allerdings sorgten unterschiedliche Vorstellungen für eine Trennung zwischen Hayek und VW, wodurch Mercedes-Benz in das Projekt einstieg und nach zwei Konzeptstudien aus dem Jahr 1994 schließlich auf der IAA 1997 den Smart als Serienauto vorstellte.

Nahezu in Vergessenheit geraten ist hingegen, dass bereits zwei Jahre zuvor auf dem Genfer Automobilsalon ein seriennahes Projekt von Opel für Furore gesorgt hatte. Der dort gezeigte Maxx erhielt diverse Attribute, die später beim Smart als Neuheiten gepriesen wurden. So besteht dieser 2,97 Meter lange und 1,58 Meter hohe Kleinwagen aus einer hochfesten, geschweißten Aluminiumsicherheitszelle, die teilweise außen sichtbar ist und an die farbig lackierte Kunststoffkarosserieteile angehängt werden können. Während durch die Zelle die Grundabmessungen feststanden, konnten durch den Austausch dieser Teile nicht nur Farbwechsel vollzogen, sondern auch andere Aufbauten wie beispielsweise ein Cabriolet oder ein Pickup verwirklicht werden. Außergewöhnlich war hingegen, dass Opel es im Gegensatz zum Smart schaffte, bis zu vier Personen im Innenraum unterzubringen. Hierfür ließ sich die vordere Sitzbank mit sehr dünner Rückenlehne drehen, um den Einstieg in den Fond zu ermöglichen. Unter der Rückbank blieb Platz für Einkäufe oder kleines Gepäck, da der Antrieb vor und über der Vorderachse verbaut war. Ließ man die hinteren Sitze Zuhause, ergab sich ein Laderaum in der gleichen Dimension, wie ihn der damalige Astra Caravan aufwies.

Beim Antrieb handelte es sich um einen eigens entwickelten und konstruierten Dreizylinder-Benzinmotor, der vor 25 Jahren eine ungewöhnliche und innovative Lösung darstellte. Aus 973 Kubikzentimetern Hubraum holte man mittels vier Ventilen pro Zylinder und zwei obenliegenden Nockenwellen 37 kW/50 PS sowie 90 Newtonmeter Drehmoment. Dies resultierte in völlig ausreichenden Fahrleistungen für den angestrebten Einsatz in großen Metropolen. Die nur rund 650 Kilogramm schweren Prototypen des Opel Maxx beschleunigten in 12,1 Sekunden auf Tempo 100 und erreichten eine Höchstgeschwindigkeit von 151 km/h. Gleichzeitig kam man im damaligen Euromix-Durchschnittsverbrauch auf lediglich 3,9 Liter pro 100 Kilometer. Nur 12 Monate nach der Premiere des Maxx kündigte Opel in Genf an, zumindest den Motor in Serie fertigen zu wollen. Damit war man ab 1997 mit der Markteinführung im Corsa B der erste europäische Hersteller mit einem Dreizylinder-Triebwerk im Portfolio. Heute gehören Motoren mit dieser ungeraden Anzahl von Brennräumen bei diversen Marken zum guten Ton.

Vom Maxx stellte man 1995 in Lebensgröße lediglich den geschlossenen Kleinwagen vor. Auf Zeichnungen und im Modell existierten jedoch neben dem bereits erwähnten Cabriolet und dem Pickup auch Überlegungen zu einem kleinen Offroader (heute würde man vermutlich 'SUV' sagen) sowie zu einer verlängerten Variante mit vier Türen, die sich auch als Taxi eignen sollte. Damit war man Smart ebenfalls um Jahre voraus, wo man erst ab 2004 den Forfour präsentierte. Modernste Sicherheitseinrichtungen wie ABS und zwei Airbags gehörten ebenso zum Ausstattungsumfang, wie ein Fahrwerk mit McPherson-Federbein-Aufhängungen vorn aus den Modellreihen Vectra und Omega. Warum man den Maxx, der aufgrund seiner kompakten Abmessungen theoretisch wie ein Smart quer am Bordstein hätte parken können, nicht in Serie brachte, weiß man bei Opel wohl heute selbst nicht so genau. Vermutlich erging es der innovativen Studie wie vielen Entwürfen der General-Motors-Tochterunternehmen weltweit: Sie war den US-Konzernstrategen zu teuer, zu fortschrittlich und die Marktchancen nicht final berechenbar.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Opel