Zwei Exemplare für Queen Elizabeth II

20 Jahre Bentley State Limousine

Auto 11.02.2020
20 Jahre Bentley State Limousine

Die späten 1990er Jahre waren eine spannende Zeit für Bentley Motors. Beim Vickers Konzern, dem neben Fabriken zur Fertigung von Rüstungsgütern auch die Autohersteller Rolls-Royce und Bentley gehörten, entschloss man sich zum Verkauf der Autosparte. Besonders großes Interesse zeigte dabei der Volkswagen Konzern aus Wolfsburg, der schließlich auch die Produktionsstätte in Crewe und die Namensrechte an Bentley für rund 1,44 Milliarden D-Mark kaufen konnte. Allerdings hatte Vickers für Rolls-Royce lediglich die Nutzungsrechte am Namen und Logo, da es parallel die Firma für Flugzeugmotoren gab und gibt. Diesen Umstand übersah man bei Volkswagen, was in der Zwischenzeit von BMW ausgenutzt wurde, wo man vorher beim Kampf um die Gesamtfirma Rolls-Royce Motors (inklusive Bentley) knapp überboten worden war. Verhandlungen mit dem Flugzeug-Hersteller Rolls-Royce plc verliefen positiv für die bayrische Marke. In der Folge vereinbarte man mit Volkswagen, die die Rechte an der traditionellen Kühlerform und der Kühlerfigur von Rolls-Royce hielten, eine Trennung zwischen Bentley und Rolls-Royce ab Anfang 2003, wodurch BMW eine neue Fertigungsstätte in Goodwood baute und Ende 2002 der finale Rolls-Royce in Crewe entstand.

Soviel zur generellen Vorgeschichte, die zeigt, dass hier zwei Autokonzerne um die Vorherrschaft bei den Luxulimousinen kämpften. So versteht man umso besser die Relevanz eines Fahrzeugs, das pünktlich zum Goldenen Thronjubiläum von Queen Elizabeth II am 4. Juni 2002, also noch mitten in der Übergangszeit zwischen Volkswagen und BMW präsentiert wurde. Es handelt sich um die Bentley State Limousine, von der insgesamt lediglich zwei Exemplare hergestellt wurden. Als Basis liegt die Bodengruppe des Bentley Arnage mit Verlängerung und Verbreiterung zugrunde, was von außen durch die komplett neue Karosserie nicht mehr ersichtlich ist. Beide Fahrzeuge erhielten im hinteren Dachbereich eine große Scheibe, die bis hinauf ins Dach reicht und somit der Bevölkerung einen guten Blick auf die Monarchin gestattet. Sollte dieser Einblick für einen bestimmten Termin unerwünscht sein, lassen sich spezielle schwarze Abdeckungen anbringen, die nur eine kleine Heckscheibe freilassen. Diese können beim Nichtgebrauch platzsparend im Kofferraum untergebracht werden.

Die State Limousine entstand unter dem Projektnamen Diamond bereits seit dem Jahr 2000 hinter verschlossenen Türen. Vom britischen Königshaus erging die Bestellung inklusive der Anforderungen, dass die hinteren Scheiben nicht getönt sein durften, die Seitenscheiben komplett zu versenken sind sowie die Kopffreiheit auch an den Türen groß genug sein musste, damit die Queen auch mit Hut problemlos aus- und einsteigen kann. Zwischen Fahrerkabine und Passagierabteil befindet sich eine transparente Trennwand, vor der zwei zusätzliche Sitze entgegen der Fahrtrichtung ausgeklappt werden können. Von außen tragen beide State Limousines im oberen Bereich Schwarz und darunter dunkles Rot. Die bei Mulliner in Handarbeit aufgebauten Karosserien erstrecken sich auf 6,2 Meter Länge, zwei Meter Breite und 1,77 Meter Höhe.

Unter der Motorhaube steckt der typische V8-Motor mit 6,75 Litern Hubraum von Bentley, der dank doppelter Turboaufladung mehr als adäquate 298 kW/405 PS sowie ein maximales Drehmoment in Höhe von 835 Newtonmetern bereitstellt. Da bei offiziellen Paraden eh eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 14 km/h nicht überschritten wird und beide Fahrzeuge nicht für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen sind, gab Bentley nie offizielle Fahrleistungen der State Limousine bekannt. 2012 ließ das britische Königshaus beide Fahrzeuge durch Bentley zur Nutzung mit Ethanol, Methanol oder Benzin umrüsten. Auf diese Weise dürfte sich die ursprünglich angestrebte Nutzungsdauer von 25 Jahren noch einmal etwas verlängert haben. Genutzt wird üblicherweise nur ein Exemplar, in dem die Queen persönlich gemeinsam mit ihrem Ehemann Prince Philip Platz nimmt. Sobald der Wagen für einen solchen offiziellen Einsatz vorgesehen ist, kommt auf dem Kühlergrill eine Figur des Heiligen Georgs, beziehungsweise bei Terminen in Schottland ein stehender Löwe zum Einsatz. Auf dem Dach sitzt das königliche Wappen und auf den hinteren Türen unterhalb der Scheiben findet sich das Emblem der Königin. Bevor der Volkswagen-Konzern dieses Fahrzeug übergeben durfte nutzte das britische Königshaus bei offiziellen Anlässen luxuriöse Limousinen von Rolls-Royce oder der Jaguar-Tochtermarke Daimler.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Bentley