Mit festem Dach über'm Cockpit

120 Jahre Renault Typ B

Auto 21.04.2020
120 Jahre Renault Typ B

Als die ersten Automobile das Fahren lernten, glichen sie einfachsten Kutschen, denen jemand die Pferde entwendet und gegen einen irgendwo untergebrachten Motor getauscht hatte. Selbst der Patent-Motorwagen von Carl Benz konnte die Herkunft vom Kutschenbau nur schwerlich verbergen, obwohl hier der Motor hinter den Passagieren saß. Vor allem aber lieferten diese frühen Fahrzeuge ihre Passagiere voll und ganz den Naturelementen aus. Windschutzscheibe, Türen und ein Dach suchte man vergeblich, obwohl es bereits seit Jahrhunderten entsprechende Kutschen gab. Allerdings hatten diese Pferdefuhrwerke eines gemeinsam: bei ihnen saß der jeweilige Fahrzeugführer grundsätzlich außerhalb des Passagierraumes, da es sich um (meist schlecht bezahltes) Personal handelte, während drinnen die hohe Gesellschaft Platz nahm.

Erst rund um den Jahrhundertwechsel entstanden erste Entwürfe für Automobile mit geschlossener Personenkabine. Ein Vorreiter war dabei Louis Renault, der gemeinsam mit seinen Brüdern Fernand und Marcel 1898 die gleichnamige Autofirma in Boulogne-Billancourt begründete. Alles begann dabei mit einem hölzernen Fahrzeug, das Louis in einem Schuppen selbst konstruiert und zusammengebaut hatte. Nach ersten Testfahrten, die ihn bis nach Paris führten, erhielt er direkt zwölf Bestellungen für entsprechende Nachbauten seines Erstlingswerk, das dann ab 1899 als Typ A in Serie ging. Bereits ein Jahr später präsentierte er den Typ B, dessen Optik damals wie heute für Verwunderung sorgt. Als kompaktes 'Coupé' (angelehnt an entsprechende Aufbauten aus der Kutschenzeit) erhielt der Wagen eine geschlossene Karosserie, die lediglich 1,9 Meter lang, dabei aber 1,8 Meter hoch war. Übrigens ist der heutige Elektrokleinwagen Renault Twizy rund einen halben Meter länger.

Technikkomponenten übernahm man überwiegend vom Typ A. So saß vorn ein 450-Kubikzentimeter-Motor mit einem Zylinder und 2,7 PS. Diese Kraft gelangte über einen Kardanantrieb anstelle des damals noch üblichen Kettentriebs auf die Hinterachse. Das niedrige Fahrzeuggewicht von lediglich 360 Kilogramm ermöglichte 45 km/h Höchstgeschwindigkeit. Hinzu kam der höhere Komfort, den der wettergeschützte Innenraum mitbrachte. So erhöhten sich bei Renault nicht nur die Anzahl der Vorbestellungen, sondern auch die der Mitarbeiter in der Fertigung. Von Anfang bis Ende 1900 kamen 50 Angestellte hinzu, wodurch nun 110 Menschen an der Fertigstellung der Fahrzeuge arbeiteten. Der Typ B wurde bereits 1901 durch den Typ C abgelöst, von dem es neben einer offenen Variante auch wieder ein geschlossenes Coupé gab. Der Siegeszug geschlossener Automobile hatte begonnen.

Autor: Matthias Kierse - Secret Classics

Bilder: Renault