IAA 2019

Sie kennen die IAA (Internationale Automobil Ausstellung) in Frankfurt am Main? Dann haben Sie diese einstmals große Messe vermutlich bereits selbst in der Vergangenheit besucht oder die Berichterstattung in den Medien verfolgt. Im zweijährlichen Abstand trafen sich hier alle großen Autohersteller der Welt und stellten neben neuen Modellen auch Konzeptstudien vor. Doch bereits die letzten beiden Ausgaben 2015 und 2017 zeigten einen spürbaren Ausstellerrückgang, der sich nun für 2019 ins Extrem fortsetzte. Fast alle internationalen Marken sagten ihren Messeauftritt ab. Übrig blieben mit BMW, Mini, Alpina, Opel, Land Rover, Jaguar, Honda, Renault, Ford, Wey, Hongqi, Byton, Artega, Mercedes-Benz, Mercedes-AMG, Mercedes-Maybach, Smart, McLaren, Polestar, Volkswagen, Audi, Seat, Škoda, Lamborghini und Porsche nur wenige bekannte Namen. Entsprechend leer zeigen sich die Hallen unter dem Frankfurter Messeturm.

Bereits in Halle 3.0, die klassisch vom Volkswagen Konzern belegt wird, zeigt sich diese Leere deutlich. Zudem muss sich die Messeorganisation die Frage gefallen lassen, wie man (zumindest am Pressetag) den Teppich zwischen den Ständen derartig wellig verlegt, dass man ständig auf seinen nächsten Schritt achtgeben muss. Zwischen den Ausstellungsbereichen von Volkswagen, Audi, Seat, Škoda, Porsche und Lamborghini ließ die Halle derweil genug Luft, um gefahrlos für das teure Blech Fußball zu spielen. Audi zeigte diverse elektrisch betriebene Studien und die neuen Sportmodelle RS 6 Avant sowie RS 7 Sportback. Derweil stand der Volkswagen-Bereich komplett im Einfluss der aktuellen Elektrowelle. Das neue Serienfahrzeug ID.3 erlebte gemeinsam mit einem modernisierten ‚Sound-Logo‘ und einer überarbeiteten Markenfarbgebung seine Weltpremiere. Wer in Frankfurt den neuen Golf der achten Generation erwartet hätte, sieht sich enttäuscht. Nebenan bei Seat und der sportlichen Tochtermarke Cupra gab es wenig Autos und dafür umso mehr moderne Technik. Beispielsweise stellt ein 3D-Drucker kleine Blumentöpfe für die Besucher her. Porsche springt ebenfalls auf den Elektrozug auf und will mit dem Taycan Turbo und Taycan Turbo S gegen Platzhirsch Tesla antreten. Was man sich bei der Namensgebung gedacht hat, weiß man vermutlich nicht mal so richtig in der hauseigenen Marketingabteilung.

Škoda feiert das 60-jährige Jubiläum des Octavia und zeigt dazu neben der aktuellen Modellgeneration auch ein Auto von 1959. Während bei Volkswagen in einer Ecke ein Kondolenzbuch für den vor kurzem verstorbenen Ex-Chef Ferdinand Karl Piëch ausliegt, ehrt Konzerntochter Lamborghini diesen großen Herrn der Automobilgeschichte auf etwas eigenständigere Weise. Die 63 Exemplare des neuen Hybridsportwagen Sián, der auf der IAA debütiert, tragen nun den Beinamen ‚FKP 37‘ für die Initialen und das Geburtsjahr von Piëch. Allerdings brauchen sich eventuelle Interessen keine Sorgen mehr um den Kaufpreis zu machen, da der 819 PS starke Flitzer bereits lange vor der Messepremiere ausverkauft war. Noch leerer als in Halle 3.0 sieht es wenige Meter weiter in Halle 2 und der angrenzenden Festhalle aus. Seit vielen Jahren residiert hier zur IAA Mercedes-Benz mit allen eventuellen Tochterfirmen – und das waren in dieser Zeit einige. 2019 sind immerhin Mercedes-AMG, Mercedes-Maybach und Smart anwesend. Trotzdem ist der Aufbau in der hohen Kuppel der Festhalle nur halb so breit und auch deutlich weniger aufwändig als gewohnt. Abgesehen davon verzichtete man auf eine Verkleidung der umliegenden festen Bestuhlung und konsequenterweise auch gleich auf allzuviele Autos. Stellenweise gibt es im Hochbereich Plätze, von denen aus am ersten Pressetag nicht ein Fahrzeug zu sehen war. Derartige Zustände kennen langjährige IAA-Besucher eigentlich nicht, diesjährige müssen sich daran jedoch beim weiteren Rundgang durchaus gewöhnen.

In unserem virtuellen Rundgang machen wir an dieser Stelle einen Sprung ans andere Ende des Messegeländes und hinein in Halle 11, die seit ihrer Einweihung vor rund sechs Jahren das BMW-Gegenstück zum Mercedes-Areal in Halle 2 und Festhalle war. Hier traf man die bayrische Marke gemeinsam mit Mini und Rolls-Royce, wobei die britische Nobelfirma bereits 2017 nicht mehr anreiste. Auf einer aufwändigen Rundstrecke zeigte BMW die jeweiligen Neuheiten im Laufe der gesamten Messe auch in Bewegung. Davon kann 2019 keine Rede mehr sein. Der hauseigene Auftritt wurde deutlich eingeschrumpft, Mini schließt sich in einer kleinen Ecke an und Rolls-Royce blieb erneut daheim in Goodwood. Dafür überließ man die restlichen Hallenquadratmeter den Marken Alpina, Opel, Hyundai, Land Rover und Jaguar sowie den Panzerungsexperten von Trasco.

Während BMW mit dem neuen X6 und dem auffälligen Concept 4 erneut zeigt, wie breit der Nierengrill noch werden kann, steht bei Alpina der neue B3 Touring mit Allradantrieb im Rampenlicht. Nebenan bei Opel glänzt erstmals ein von einem Autowerk angebotener, elektrisch betriebener Rallyewagen, dessen pure Existenz jedoch bei Fans der entsprechenden Motorsportart durchaus kontrovers diskutiert wird. Hyundai zeigt ein klassisch anmutendes Konzeptfahrzeug mit Elektroantrieb und Jaguar einen weiterentwickelten I-Pace. Derweil darf der bei Land Rover präsentierte neue Defender zum einen als eine der wenigen Messesensationen und zugleich als herbe Enttäuschung gelten. Die Briten wollen ihr Urmodell beerben und haben es hierfür modern interpretiert. Allerdings darf man mit Sicherheit laut darüber nachdenken, inwiefern ein Geländewagen mit Niederquerschnittsreifen den an ihn gestellten Aufgaben im rauhen Offroad-Bereich gerecht werden soll. Sein Großvater rollt vermutlich gerade weinend in den afrikanischen Busch. Wie es besser geht zeigt Brabus auf dem Außengelände mit einem umgebauten Mercedes-Benz G 500 4×4² mit 700 PS und grobstolligen Rädern. Dort draußen finden sich auch Pavillions von McLaren und Polestar sowie ein Ministand von Renault, wo tatsächlich die Messepremiere des neuen Captur unter freiem Himmel stattfindet. In Halle 8 zeigt Honda derweil die Serienversion des Elektrokleinwagens e, während der chinesische Hersteller Hongqi den 1.400 PS starken Hybrid-Supersportwagen S9 mit V8- und Elektromotor präsentiert.

In der ‚New Mobility World‘, die nur bis zum 15. September in Halle 5 zu finden ist, steht neben einer klassischen Cobra Replica auch die Automarke Artega aus Delbrück bei Paderborn. Neben dem weiterentwickelten Fahrgestell des kommenden Elektrosportwagens Scalo Elletra zeigt man auch den Elektrokleinwagen Karo, den Artega aus dem Microlino weiterentwickelte und demnächst auf die Straße bringt. Auch in der Zuliefererhalle 9 stehen ein paar Automobile wie beispielsweise eine SUV-Studie von San Yuan aus China oder ein Elektroroadster von Zulieferer Sekisui. Auch das aktuellste Fahrzeug der Marke Isdera, der Commendatore GT, zeigt sich erstmals auf einer europäischen Automesse, nachdem er letztes Jahr in Shanghai debütierte.

Bleibt noch die aus unserer Sicht lohnenswerteste Halle der IAA 2019. In Halle 4.0 organisierte die Motorworld die ‚IAA Heritage‘ mit diversen Händlern von klassischen Autos und Exoten sowie zwei Sonderausstellungsflächen. Eine davon widmete man dem 110-jährigen Jubiläum der Marke Bugatti, die Autofans in der VW-Halle 3.0 schmerzlich vermissen dürften. Zwar sind der ausgestellte Type 57 Atlantic sowie der Type 41 Royale lediglich gut gemachte Repliken, dennoch erfreut dieser Anblick ohne Frage viele Autoenthusiasten. Als zweites Spezialthema wählte man Ferrari aus und zeigt mit einem 250 GT California Spyder SWB, einem 250 Testa Rossa und einem 365 GTB/4 ‚Daytona‘ drei Fahrzeuge in den Farben der deutschen Flagge. Auch der restliche Rundgang durch diese Halle lohnt sich für alle Autofans, die noch Benzin statt Elektrik im Blut haben. Unsere Bildergalerie mag dabei als kleiner Anreiz dienen. Eine Etage höher versteckt sich am hintersten ende der Halle 4.1 übrigens noch ein Ford Capri RS in Bestzustand.

Unser diesjähriges Fazit: Gäbe es die Halle 4.0 nicht, müssten wir an dieser Stelle ernsthaft von einem Besuch der IAA abraten. Wer hochklassige Sportwagen, Luxusfahrzeuge und seltene Exoten erwartet, wird in den Neuwagen-Hallen fast ausnahmslos enttäuscht. Ebenso scheinen sich die wenigen verbliebenen Hersteller teilweise schon beinahe zu schämen, dass sie noch immer Autos mit Benzin- oder Dieselantrieb anbieten und verstecken diese auf ihren Ständen. Solange allerdings die Politik in vielen Ländern die Verbreitung von Elektrofahrzeugen weiter vorantreibt, ohne auf Umweltgefahren durch die Akkus und die Stromproduktion näher einzugehen, bleibt es bei diesem Bild. Zudem scheint sich die aktuelle Jugend mehr für Proteste gegen die Messe als für Autos auf der IAA zu interessieren. Schade, denn so muss die Frage gestellt werden, ob es 2021 überhaupt noch einmal eine Neuauflage der IAA für PKW geben wird?

Bilder: Matthias Kierse