Eifel Rallye Festival 2019

Es dauerte nur wenige Minuten, bis aus bester Stimmung schieres Entsetzen wurde. Am Donnerstag Nachmittag sollte das Eifel Rallye Festival traditionsgerecht mit dem so genannten Shakedown (Einstellfahrten) auf einem 5,4 Kilometer kurzen Rundkurs beginnen. Allerdings kam es bei einem der ersten paar gestarteten Autos zu einem schweren Unfall, in dessen Folge rund zehn Personen in der offiziellen Zuschauerzone verletzt wurden, zwei davon schwer. Dies führte zum unmittelbaren Abbruch des Shakedowns, um den Rettungskräften einen freien Zugang zur Unfallstelle zu ermöglichen. Dieser Unfall ist besonders tragisch, da es beim Eifel Rallye Festival weder um die Erzielung von Bestzeiten und Höchstgeschwindigkeiten, noch um einen anders gearteten Sieg geht. Aus der Initiative ‚Slowly Sideways‘ heraus treffen sich hier seit 2011 Fans und Freunde von alten Rallyefahrzeugen, um den klassischen Zeiten dieser Motorsportart bei Demorunden auf einigen ehemaligen Sonderprüfungen der Eifel Rallye und neuen Strecken zu frönen. „Obwohl es bei uns keine Zeitwertung gibt, werden die Sicherungen der Strecke und für die Zuschauer nach internationalem Standard so durchgeführt, als würde hier auf Bestzeit gefahren“, erläutert Organisationsleiter Otmar Anschütz. Im Ziel werden einzig Sonderpreise für die best erhaltensten Autos oder den besten Drifter verliehen.

Trotz des Unfalls entschied sich das Organisationskomitee für eine Weiterführung der Veranstaltung. Nach den bisherigen Ermittlungen der Behörden war dies ein tragischer Unglücksfall, der nicht vorhersehbar war. „Nach Abwägung aller Aspekte haben wir uns entschieden, unser Festival weiter durchzuführen, auch die beteiligen Behörden haben sich dafür ausgesprochen. Am wichtigsten aber ist, dass alle Verletzten schnellstmöglich wieder gesund werden. Das ist der Wunsch von uns Organisatoren, wir sprechen da auch im Namen der Teams und der zahlreichen Fans“, so Anschütz. In leicht gedrückter Stimmung richtete man daher den alljährlichen Rallye-Abend am späten Donnerstag auf dem Laurentiusplatz in Daun aus – mitten im riesigen Servicepark der klassischen Rallyefahrzeuge. Die gesamte Fußgängerzone der kleinen Kurstadt steht in diesen Tagen im Zeichen jener Autos, die einst bei Welt- und Europameisterschaftsläufen sowie bei nationalen Events Asphalt, Schotter, Schlamm, Eis und Schnee unter die Räder genommen haben.

Am Freitag und Samstag ging es auf insgesamt fünf Wertungsprüfungen zur Sache, wobei jedem Fahrer selbst überlassen war, wie schnell oder langsam er oder sie fahren wollte. Ja, richtig gelesen, sie. Unter den Teilnehmern fand sich in diesem Jahr unter anderem auch die zweifache Damen-Rallye-Weltmeisterin Isolde Holderied, die jenen Toyota Corolla WRC bewegte, den sie 1999 bereits bei der Rallye Monte Carlo gefahren hatte. Im weiteren Fahrzeugfeld fanden sich diverse Originale, vom Vauxhall Chevette HSR über einen Lancia Delta S4, drei Ford RS200, einen Volkswagen Golf II GTI 16V oder einen Toyota Celica ST185 bis hin zu einem Lancia Stratos, einem Audi 80 GLE, einem Opel Ascona 400, einigen Lancia Delta Integrale oder einem Peugeot 309 GTi. Seat brachte zwei ganz besondere Ibiza aus der Werkssammlung in Barcelona mit. Neben einem giftgrünen Kit-Car von 1996 war es besonders der nur einmal gebaute Ibiza Bimotor aus der spanischen Schottermeisterschaft von 1986, der mit seinem Sound die Zuschauer begeistern konnte. Ein weiteres ungewöhnliches Auto ist der komplett in unschuldigem Weiß lackierte Mercedes-Benz 280 E, der 1977 an der Marathonrallye London-Sydney teilnahm. Nach diesen rund 30.000 Kilometern ging es zur Safari-Rallye in Kenia und der Vuelta America del Sud im Jahr 1978, im Jahr darauf nochmal zur Safari-Rallye und zur Tour de Europe. Diese Langstreckenrallye durch Europa wiederholte der Benz in den Jahren 1987, 1988 und 1989. Somit stehen auf dem Tacho rund 120.000 Kilometer, die bei Rallyes auf fünf Kontinenten zurückgelegt wurden.

Damit traf dieser Wagen auf einzigartige Weise das diesjährige Motto des Eifel Rallye Festival: Rally Around The World. Von allen Kontinenten, auf denen jemals Rallye-Veranstaltungen stattgefunden haben, waren Autos vor Ort. Einzig die Antarktis wurde bisher nie befahren und fiel daher auch bei der Zusammenstellung der Fahrzeuge aus. Das bunte Teilnehmerfeld besteht indes nicht nur aus wertvollen Originalen, sondern ist auch offen für Nachbauten, die in die Kategorien ‚Slo1‘ (nahe am Original) und ‚Slo2‘ (abweichend vom Original) eingeteilt werden. Viele Fans, die in den 1960er, 70er und 80er Jahren freudig jubelnd am Streckenrand gestanden haben, träumen heute von der Verwirklichung des Traumes, ein Einsatzfahrzeug von damals in die heimische Garage zu stellen. Manchen gelingt dies mit Originalautos, andere lassen sich die Traumumbauten als Nachbau auf historischer Basis verwirklichen – und für den Rest gibt es inzwischen von fast allen wichtigen Rallye-Wagen entsprechend gut gemachte Miniaturen, um wenigstens die Wohnzimmervitrine zu füllen.

Während die Slowly Sideways Truppe rund um den Rallyefotografen Reinhard Klein ursprünglich vor allem einen deutschsprachigen Kern hatte, ist man inzwischen vollends international aufgestellt. So kam es, dass vor zwei Jahren der Neuseeländer Ross Clarke das Eifel Rallye Festival bei einer Europareise mehr aus Zufall als Zuschauer besuchte und anschließend entschied, hier unbedingt teilnehmen zu wollen. Daheim in Neuseeland entstand nämlich gerade unter fachkundiger Anleitung eine Replik des Toyota Celica Turbo, mit dem Mohammed ben Sulayem 1986 an der Dubai Rallye teilgenommen hatte. Von diesem hinterradangetriebenen Gruppe-B-Renner gibt es nur noch wenige Originale, da die Toyota-Führungsriege nach dem Verbot der Gruppe B durch die FIA eine Verschrottung der Einsatzfahrzeuge beauftragte. Clarke’s Toyota teilte sich den Überseecontainer mit dem Datsun Violet 160J (710 SSS) des Australiers Darryn Snooks. Er nahm ebenfalls erstmals am ERF teil, versprach aber gern wiederzukommen. Seinen seltenen Datsun konnte man bereits bei der Midsommar-Rallye in Schweden bestaunen und auch die Rallye Finnland Classic möchte er noch unter die Räder nehmen.

Ross Clarke war es auch, der den Sonderpreis für die beste Replik des diesjährigen Eifel Rallye Festival aus den Händen von Timo Salonen entgegen nehmen durfte. Zum besterhaltenen Originalfahrzeug wählte die Jury den bereits erwähnten Mercedes-Benz 280 E, dessen Besitzer Andreas Bayer seinen Preis von Beifahrerlegende Nicky Grist erhielt. Dazu gab es den Sonderpreis ‚Sideways Star‘, des besten Quertreibers im Feld der Vorausfahrzeuge, den erneut wie im Vorjahr Marcel Baldauf mit seinem BMW 325i abräumte. Alle anwesenden VIP-Rallyefahrer (unter anderem Nicky Grist, Timo Salonen, Stig Blomqvist, Isolde Holderied, Niki Schelle, Jimmy McRae, Kalle Grundel, Erwin Weber, Josep Maria Servià, Jochi Kleint, Harald Demuth und Matthias Kahle) wählten zudem den ‚Champion’s Choice‘, diesmal den Subaru Legacy RS Turbo von Wilco Hubens aus den Niederlanden. Bleiben noch zwei Spezialpreise. Einen davon erhielt Claus Aulenbacher für den Wiederaufbau eines originalen Lancia Stratos, der beim Vorbesitzer in Frankreich bei einem Garagenbrand in Flammen aufgegangen war. Das Vater-Sohn-Duo Peter und Patrick Berghaus mit ihrem MG Metro 6R4 erhielt den zweiten Sonderpreis für die zwanzigste Teilnahme in Folge bei einem Event vom MSC Daun.

Bei bestem Wetter, unterbrochen nur von wenigen sehr kurzen Schauern, konnten die vielen Fans am Streckenrand fantastische Autos in Aktion begutachten, die teils seit Jahrzehnten nicht mehr im Wettbewerbseinsatz zu finden sind. Einige Rallye-Enthusiasten nutzen das Eifel Rallye Festival auch dazu, Gutes zu tun. Über Auktionen können Mitfahrten in einigen Fahrzeugen ersteigert werden. Diesmal boten Niki Schelle im Lancia Delta S4 und Wolf-Dieter Ihle im Audi 80 GLE entsprechende Beifahrerplätze an. Dabei kam ein Gesamterlös von 3.348 Euro zusammen, wovon 2.237 Euro an die Stiftung KinderHerz gehen und 1.111 Euro an die Weihnachts-Paketaktion des Lions Club in Daun übergeben wurden.

Somit kam trotz des äußerst schlechten Auftakts doch noch wirklich positive Stimmung auf. Nicht nur wegen der großzügigen Spenden und der tollen Rallyeautos im Sonnenschein. Vor allem durch die Nachricht, dass alle Verletzten in stabilem Zustand sind und abgesehen von den beiden Schwerverletzten die Krankenhäuser direkt wieder verlassen durften, hob sich die Stimmung aller anwesenden Fans, Fahrer und Organisatoren merklich. Die Planungen für die Folgeveranstaltung im kommenden Jahr laufen bereits. Dann hoffentlich wieder mit einem guten Start und ohne Zwischenfälle.

Bilder: Matthias Kierse