Cisitalia 202 SC Cabriolet

Die Firmengeschichte der italienischen Automarke Cisitalia liest sich ein wenig wie ein „Who is who“ der frühen Nachkriegszeit. Unter der Leitung von Piero Dusio versammelten sich zeitweise große Namen, die kurz darauf durch eigene Automarken auf sich aufmerksam machen konnten. Überhaupt war es beachtlich, dass kurz nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs überhaupt jemand an die Entwicklung und Produktion von Renn- und Sportwagen dachte. Dusio war ein norditalienischer Geschäftsmann, der bereits in den 1930er Jahren als Privatrennfahrer angetreten war. Noch während der Kriegszeit, 1943, begründete er die Compagnia Industriale Sportiva Italiana, kurz Cisitalia. Anfänglich stellte er Werkzeugmaschinen und Ausrüstung für Garagen und Werkstätten her. Zudem bot er Fahrräder an.

Erster Rennerfolg bei der Mille Miglia 1947

Bereits ein Jahr nach der Firmengründung begannen Arbeiten an einem neuen Rennwagen. Hierfür holte Piero Dusio den Fiat-Konstrukteur Dante Giacosa an Bord, der die ursprünglichen Parameter für den Monoposto absteckte. Nach Kriegsende ging Giacosa jedoch zu Fiat zurück und Giovanni Savonuzzi übernahm das Projekt. Er schaffte es, trotz Materialknappheit, den D46 genannten Wagen 1946 fertigzustellen. Im eigens kreierten Gitterrohrrahmen steckte ein 1,1-Liter-Fiat-Motor mit 70 PS. In der Folgezeit entstanden zwischen 30 und 40 Exemplare dieses ersten italienischen Nachkriegsrennwagens für Privatrennfahrer. Auf der Basis des D46 entstand der Spider Nuvolari, mit dem Tazio Nuvolari an der Mille Miglia 1947 teilnahm. Daneben kam auch der neu entwickelte Cisitalia 202 mit drei unterschiedlichen Karosserien erstmals zum Einsatz. Nach widrigen Bedingungen durch Regen- und Hagelschauer belegte die Werksmannschaft am Ende die Plätze zwei bis vier. Durch eine landesweite Radioübertragung war Cisitalia aber in aller Munde.

Abarth und Porsche arbeiteten für Cisitalia

Für das Folgejahr entwickelte ein gewisser Carlo Abarth den Spider zum Cisitalia 204 weiter. Parallel dazu bestellte Piero Dusio beim Konstruktionsbüro von Ferdinand Porsche, das sich zu diesem Zeitpunkt immer noch im österreichischen Gmünd befand, einen neuen Grand-Prix-Rennwagen. Auch Carlo Abarth arbeitete zeitweise am Tipo 360 mit, der optisch stark den Auto Union Silberpfeilen aus der Vorkriegszeit ähnelte. Allerdings kam hier ein 1,5 Liter großer Zwölfzylinder-Boxermotor mit zwei Roots-Kompressoren zum Einsatz. Für mehr Traktion konnten per Hebelzug zusätzlich zu den Hinterrädern auch die vorderen mit angetrieben werden. Aufgrund der hohen Entwicklungskosten musste Piero Dusio dieses für ihn so wichtige Projekt jedoch letztlich beerdigen. Er selbst zog sich nach Argentinien zurück und nahm einen fertiggestellten Tipo 360 sowie Teile für ein zweites Auto mit. Die italienische Produktion von Straßensportwagen, die auch für Renneinsätze tauglich waren, übertrug er seinem Sohn Carlo „Carletto“ Dusio.

Vom Monoposto D46 zum Sportwagen 202

Wie bereits weiter oben erwähnt entstand auf Basis des Monopostorennwagens D46 bereits Ende 1946 ein straßentauglicher Sportwagen, der Cisitalia 202. Zur damaligen Zeit war es üblich, dass Autohersteller ihre Fahrgestelle an Karosseriebauer nach Wahl des Kunden lieferten. So entstanden für den 202 Aufbauten bei Vignale, Ghia, Rocco Motto, Castagna oder Frua. Am bekanntesten wurde hingegen ein Coupé-Entwurf von Pinin Farina, der im Lohnauftrag bei Vignale produziert wurde. Das hochmoderne Design mit charmanten Rundungen und in die Kotflügel eingelassenen Scheinwerfern galt als derartig innovativ, dass ein Cisitalia 202 Coupé 1951 zum ersten Automobil in der Dauerausstellung des MoMA in New York wurde. In ähnlicher Form entstanden auch wenige Cabriolets.

Nicht einmal 200 Cisitalia 202 sind entstanden

Wie der D46 basierte auch der Cisitalia 202 zum Großteil auf Fiat-Technik. Als Antriebsquelle fungierte das 1,1 Liter große Vierzylindertriebwerk aus dem Fiat 1100, allerdings mit eigenem Zylinderkopf und bis zu 65 PS. Die Vorderachse entstammte dem Fiat 500 „Topolino“, die hintere dem 1100. 1951 debütierte der weiterentwickelte Cisitalia 202D mit einem 160 PS starken, 2,8 Liter großen Bootsmotor von Botta e Puricelli. Im Folgejahr reduzierte man den Hubraum auf zwei Liter und die Leistung auf rund 130 PS. Optisch unterschieden sich das je nur einmal gebaute Coupé und Cabriolet nur durch einen breiteren Kühlergrill vom normalen 202. Auch vom Cisitalia 203 mit der Technik des Fiat 1400 entstanden nur wenige Fahrzeuge. Beim 202 waren es bis 1952 rund 170 Exemplare. Auf dieser Basis baute Carlo Abarth sein erstes Auto, den Abarth 205. Folgeprojekte von Cisitalia für Ford (808XF) und mit Abarth waren weniger erfolgreich. 1964 endete die Autoproduktion.

202 SC Cabriolet bei RM Sotheby’s

RM Sotheby’s versteigert heute Abend in Mailand ein Cisitalia 202 SC Cabriolet mit Pinin Farina Design, aber aus den Werkstätten von Vignale. Erstbesitzer war Adalberto Fontana, ein Italiener in Uruguay. Er exportierte unter anderem Sportwagen von Cisitalia nach Südamerika. Ihm folgte als Fahrzeugbesitzer Ricardo Augustyniak Caputi, der den 202 rot umlackieren ließ. In den frühen 2000ern kehrte der Cisitalia als nicht komplettes Restaurierungsobjekt nach Europa zurück. Bei der Komplettierung entdeckte man, dass der Motor mittels einer Ansauganlage von Nardi auf den Einbau einer Doppelvergaseranlage vorbereitet worden war. Diese ist auch heute, nach einer umfangreichen Restaurierung, noch verbaut. Zuvor ließ der Italiener Barnardo Favero den Wagen weiß lackieren. Ein Besitzer in Deutschland und zwei in Österreich folgten bis zur heutigen Auktion, wobei der letzte Eigner die besagte Restaurierung nebst Lackierung in Blau durchführen ließ. Als Zuschlagspreis erwartet RM zwischen 250.000 und 350.000 €.

Bilder: RM Sotheby’s, Paolo Carlini