Alvis TC21 Cabriolet Sport by Graber

Alvis gehört zu den vielen britischen Automarken, die heute fast in Vergessenheit geraten sind. Begründet wurde das Unternehmen 1919 als ‚T.G. John and Co. Ltd.‘ zur Herstellung von Stationärmotoren, leichten Motorrollern und Vergasergehäusen für Zenith. Im Herbst des gleichen Jahres entwickelte der angestellte Ingenieur Geoffrey de Freville einen eigenen Vierzylindermotor, um den herum in den Folgemonaten ein Automobil entstand. Dieses ging ab 1920 in Serie. Der Motor bekam den Spitznamen ‚Alvis‘ und sorgte schließlich für einen neuen Firmennamen, nachdem die Avro Aircraft Company sich erfolgreich über das zu ähnliche Firmenlogo der T.G. John and Co. Ltd. beschwert hatte. Das Wort Alvis stand von nun an in einem auf die untere Spitze gestellten roten Dreieck als neues Logo bereit.

Auf einem Level mit Bentley

In den folgenden Jahrzehnten erarbeitete sich Alvis durch hohe Qualität und diverse Rennsiege ein ähnliches Renommee, wie es auch Bentley und Aston Martin hatten. Zudem fertigte man Flugmotoren und Militärfahrzeuge an und bot manche Personenwagen auf Wunsch auch mit Panzerung an. Nach dem Zweiten Weltkrieg debütierte die Three Liter Series, beginnend mit dem TA21 (Limousine) und dem TB21 (Drop Head Coupé). Als Antrieb diente dabei ein drei Liter großer Reihensechszylindermotor. Alvis stellte, wie viele andere Hersteller in der Zeit, nur das komplette Fahrgestell inklusive Motor, Getriebe und Achsen zusammen. Für den Karosserieaufbau und die Innenausstattung waren dann externe Firmen zuständig. Zumeist entschieden sich die Kunden dabei für Mulliners of Birmingham (nicht verknüpft mit HJ Mulliner), AP Metalcraft oder Tickford.

1953 erschien der Alvis TC21 als Nachfolger des TA21. Zeitgleich entfiel der offene TB21 aus dem Modellprogramm. Einen TC21 als Drop Head Coupé schob Alvis erst mit leichter Verspätung nach. Das Sechszylinder-Triebwerk erstarkte durch einen neuen Zylinderkopf und die Verwendung von zwei SU-Vergasern von ursprünglich 83 auf nun 100 PS. In der Kundschaft machte sich jedoch inzwischen Unmut darüber breit, dass die vom Werk bei Mulliners in Auftrag gegebene Karosserie optisch veraltet war. An dieser Stelle sprang das Schweizer Traditionsunternehmen Carrosserie Graber ein, das seit 1926 für schöne und zugleich zurückhaltende Aufbauten bekannt war. Einige Sonderkarosserien auf Basis des TC21 und der Status als Schweizer Importeur von Alvis verhalfen Graber letztendlich zum Großauftrag, ab dem Nachfolgemodell TC108/G für rund zwei Jahrzehnte die Standardkarosserien für Alvis anzufertigen.

Cabriolet Sport von Graber bei Bonhams

Einen Sonderaufbau von Graber auf Basis des Alvis TC21 bietet Bonhams am 16. Dezember im Bond Street Sale in London an, der durch die Corona-Pandemie in eine Online-Auktion umgewandelt wurde. Den Kunden standen eine Limousine und zwei unterschiedliche Cabriolet-Aufbauten bei Graber zur Auswahl. Für den eigenen Stand auf dem Genfer Autosalon 1954 entstand dieses Cabriolet Sport mit zwei Notsitzen im Fond, die abgedeckt werden können. Im Gegensatz zum werksseitigen TC21 veränderte die Mannschaft rund um Hermann Graber für diese sportliche Variante sogar den ansonsten aufrecht stehenden Kühlergrill. Nach der Messe blieb das Auto lange in der Schweiz. Vor 35 Jahren kaufte der heutige Besitzer den Alvis und importierte ihn in Großbritannien. Während dieser langen Zeit ließ er diverse kleinere Restaurierungs- und Reparaturarbeiten durchführen, über die entsprechende Dokumente und Rechnungen vorliegen. Zudem nahm er an der Monte Carlo Classic und Oldtimerrallyes nach Riga und Moskau teil. Das Armaturenbrett trägt stolz ein wenig Patina. Bonhams erwartet einen Zuschlagspreis zwischen 130.000 und 150.000 €.

Bleibt noch die Frage, wie es mit der einst so großen Marke Alvis weiterging. Warum ist dieser Herstellername aus dem kollektiven Gedächtnis fast vollständig verschwunden? Zuerst musste Alvis verkraften, dass beinahe zeitgleich Mulliners eine enge Beziehung zu Standard Triumph einging und Tickford von Aston Martin Lagonda aufgekauft wurde. Ohne Karosserielieferanten in Großbritannien musste man sich, wie oben beschrieben, an Graber wenden. Zudem hatte man den bereits fast fertig entwickelten TA350 mit selbsttragender Karosserie und V8-Motor kurz vor der Serienreife aus finanziellen Gründen verworfen. Ab 1956 ging es mit dem von Graber modern pontonförmig gestalteten TC108/G weiter. Die Karosserien entstanden im Lohnauftrag bei Willowbrook. Der TD21 folgte 1958, der TE21 1964. Mangelnde Weiterentwicklungen sorgten jedoch für sinkenden Absatz. 1965 übernahm die Rover-Gruppe Alvis. Selbst der 1966 präsentierte TF21 verfügte immer noch über das gleiche Reihensechszylinder-Triebwerk, das 1950 im TA21 debütierte. Inzwischen hatte es immerhin 150 PS.

Zeitweise nur militärische Produkte

Nach nur 107 Exemplaren des TF21 endete 1967 die PKW-Produktion von Alvis. Zwei gemeinsam mit Rover entwickelte Prototypen, der Rover-Alvis P6-BS mit V8-Mittelmotor und der Alvis GTS, gingen nicht mehr in Serie. Die Namensrechte gingen 1981 an die United Scientific Holdings plc, die ab 1992 als Alvis plc firmierte. Das Unternehmen stellte Militärfahrzeuge und gepanzerte Fahrzeuge her. 2002 erwarb man das Tochterunternehmen Vickers Defence Systems von Rolls-Royce und benannte sich auf Alvis Vickers um. Die Gesellschaft ging 2004 an BAE Systems, einen multinationalen Luftfahrt-, Rüstungs- und Informationssicherheitskonzern. Dieser verkaufte 2009 die Namensrechte an Alvis an das britische Unternehmen Red Triangle. Dieses hatte nach dem Ende der Fahrzeugproduktion von Alvis alle Konstruktionspläne, das Firmeninventar und einen Teil der Belegschaft übernommen und kümmert sich seither um die Instandhaltung und Restaurierung der klassischen Fahrzeuge. Seit 2009 ist die Firma als Alvis Car Company eingetragen und bietet inzwischen auch Nachbauten einiger Modelle auf Basis alter Fahrgestelle an.

Bilder: Bonhams