Alfa Romeo B.A.T. 5, 7 & 9

In den 1950er Jahren begann die Blütezeit von wilden Konzeptfahrzeugen. Neben den Amerikanern waren es vor allem italienische Designhäuser, die ohne Rücksicht auf Serienchancen und Kosten auf diese Weise ihre Zukunftsideen für das Automobil in Blech und Kunststoff ausdrückten. Drei besondere Exemplare stammten von Bertone und debütierten auf dem Turiner Autosalon in den Jahren 1953, 1954 und 1955. Unter der Leitung des damaligen Chefdesigners Franco Scaglione entstanden die Studien B.A.T. 5, B.A.T. 7 und B.A.T. 9 jeweils auf Basis des damals aktuellen Alfa Romeo 1900C. Die Abkürzung B.A.T. stand dabei für Berlina Aerodinamica Tecnica, also grob übersetzt aerodynamische und technische Ideen für die Limousine von morgen (oder übermorgen). Erstaunlicherweise wirkt dieses Trio selbst heute, 65 Jahre nach der Premiere des B.A.T. 9, immer noch stimmig und keinesfalls unmodern. Es ist ein automobiles Tryptichon, das nur komplett seine volle Wirkung entfaltet, da es Variationen des gleichen Themas sind. Zudem machten diese drei Fahrzeuge Bertone und Franco Scaglione weltbekannt.

Alfa Romeo B.A.T. 5

Man kann sich den Effekt wohl nur schwerlich vorstellen, den der B.A.T. 5 bei seiner Weltpremiere 1953 auf das Messepublikum ausübte. Auch diejenigen, die über Automagazine etwas zeitverzögert von seiner Existenz erfuhren, dürften sich verwundert die Augen gerieben haben. Um das zu verstehen, muss man nur mal einen Blick auf europäische Serienautos des gleichen Jahrgangs werfen. Neben dem überall präsenten Volkswagen gab es bei Fiat den ‚Topolino‘ genannten 500, bei Mercedes-Benz den noch eher an die Vorkriegszeit erinnernden 170 S sowie den 220 und bei BMW den ‚Barockengel‘ 501 mit Sechszylindermotor. Auf aufregende Sportwagen wie den 300 SL Flügeltürer, den BMW 507 oder den Ferrari 250 GT mussten Kunden noch einige Jahre warten, einzig der Fiat 8V stand bei einigen Händlern bereit, blieb jedoch selten.

Die grundsätzliche Idee hinter den B.A.T.-Projekten war es, den Luftwiderstand deutlich zu verringern und damit bei identischer Motorleistung höhere Geschwindigkeiten zu erreichen. Scaglione erarbeitete seine Ideen an vier Tonmodellen im Maßstab 1:1, bevor er seine finalen Formen von den Bertone-Karosseriebauern aus Blech nachbauen und auf ein Alfa-Fahrgestell montieren ließ. Aus diesem Grund trägt diese erste öffentlich gezeigte Studie die Ziffer 5. Zu den pontonförmigen, leicht überhängenden vorderen Kotflügeln gesellt sich zentral eine abgerundete Nase. Jeweils zwischen Nase und Kotflügel tun sich auf beiden Seiten Lufteinlässe mit waagerechten Gittern auf, die bei einer späteren Restaurierung rot hervorgehoben wurden.

Um die niedrige Motorhaube darstellen zu können, verlegte Bertone die Vergaseranlage des Alfa Romeo 1900 seitlich neben den Motor. Hinter dem Maschinenraum schließt sich eine tropfenförmige Fahrgastzelle mit viel verglaster Fläche an, die hinten in einer Spitze ausläuft. Auf den hinteren Kotflügeln sorgen große, nach innen geschwungene Finnen für eine gezielte Führung des Fahrtwinds. Vorn und hinten kommen Abdeckungen vor den Rädern zum Einsatz, um den Luftwiderstand weiter zu senken. Ein besonderes Detail sind die Scheinwerfer, die auf Knopfdruck innen aus den vorderen Kotflügeln ausklappen. Trotz einer relativ geringen Motorleistung von lediglich rund 80 PS erreichte dieser Prototyp dank seiner guten Aerodynamik bei Tests eine Höchstgeschwindigkeit von 198,9 km/h.

Innen bietet der B.A.T. 5 Platz für zwei Personen auf von Scaglione speziell gestalteten Sportsitzen. Hinter dem Lenkrad sitzen drei große und zwei kleine Rundinstrumente. Dazu kommen lediglich sechs Schalter und der Schalthebel, mehr nicht. Übersichtlicher kann ein Autocockpit kaum sein. Im Oktober 1953 verkaufte Bertone das Einzelstück an Stanley ‚Wacky‘ Arnolt, den hauseigenen US-Importeur, der es auf einigen Autoshows von Herb Shriner im ganzen Land zeigte. Nach einer Umlackierung in ein dunkleres Silber nutzte Mr. Arnolt den Wagen einige Jahre privat, stellte ihn jedoch auch immer wieder in seinem Hoosier International Motors Showroom in Warsaw, Indiana, aus. 1956 verkaufte er das Unikat an seinen Freund Joe Prysak in South Bend, der es unter der Decke in seinem Firmengebäude aufhängen ließ und 30 Jahre lang beließ. 1987 kaufte Said Marouf aus La Jolla, Kalifornien, den Alfa Romeo B.A.T. 5, ließ ihn ein Jahr lang restaurieren und gewann damit anschließend seine Klasse beim Pebble Beach Concours d’Elegance 1988.

Alfa Romeo B.A.T. 7

Die Tore des Turiner Autosalons 1953 hatten sich noch nicht ganz geschlossen, da starteten bei Bertone bereits die Arbeiten an einem neuen, wilderen Nachfolger. Angestachelt vom internationalen Erfolg des Originals wollte Franco Scaglione neue Maßstäbe setzen. Im direkten Vergleich zeigen sich zwischen B.A.T. 5 und B.A.T. 7 diverse Ähnlichkeiten, allerdings auch neue Details. So wanderten die ausklappbaren Scheinwerfer in die zentrale Nase. Die vorderen Lufteinlässe sind schmaler, wodurch die Motorhaube um volle fünf Zentimeter abgesenkt werden konnte. Die Auslässe hinter den Vorderrädern fallen hingegen größer aus. Auf der Trennung zwischen den beiden Heckscheiben sitzt eine dritte Luftleitfinne, während die äußeren Finnen noch größer und noch geschwungener gestaltet wurden. Insgesamt gelang es Scaglione, den Luftwiderstand noch weiter abzusenken.

Da die Arbeiten am B.A.T. 7 länger dauerten, als ursprünglich geplant, mussten Franco Scaglione und Nuccio Bertone den Wagen schließlich eigens in der Nacht vor der Eröffnung zum Turiner Autosalon 1954 fahren. Dort und vor allem im Anschluss an die Messe errang das neue Unikat noch mehr Aufmerksamkeit als sein Vorgängermodell und schaffte es sogar auf die Titelseite der ‚Automobil Revue‘ in der Schweiz. Das Auto selbst kaufte im Januar 1955 Alfa Romeo und schickte es in die USA, um auf den Werksständen der Motorshows in New York und Chicago zu stehen. Anschließend kaufte Al Williams, ein Alfa-Enthusiast aus San Francisco, den B.A.T. 7 über den Alfa-Importeur Charles Rezzaghi.

Im März 1955 nahm er damit am SCCA-Rennen in Palm Springs teil. In der Folgezeit ließ Al Williams die Seitenfinnen entfernen, da sie die Rundumsicht im Straßenverkehr deutlich einschränkten. Drei Jahre später präsentierte der neue Besitzer Ken Shaff den Wagen, der zwischenzeitlich auf Sandbeige und Schwarz zweifarbig umlackiert worden war, beim Pebble Beach Concours d’Elegance. Zu Beginn der 1960er Jahre brachte der neue Besitzer Col. James Sorrell den Alfa für Restaurierungsarbeiten in den Van Nuys Shop von Sal di Natale, der damals als absoluter Experte für seltene italienische Autos an der US-Westküste galt. Allerdings bezahlte er niemals für die geleisteten Arbeiten und holte den Sportwagen auch nicht ab, sodass di Natale 1969 gerichtlich die Eigentumsrechte an dem Auto einfordern ließ. Erst 17 Jahre später verkaufte er das Unikat an einen privaten Sammler weiter, unter dessen Anleitung das Auto zwei Jahre lang komplett restauriert und die Finnen rekonstruiert wurden.

Alfa Romeo B.A.T. 9

Franco Scaglione machte sich ab Ende 1954 noch einmal daran, auf Basis eines Alfa Romeo 1900 eine Konzeptstudie zu erstellen, die das B.A.T.-Thema abschließen sollte. Im Gegensatz zu den ersten beiden Versionen machte er sich nun jedoch zusätzlich Gedanken dazu, wie sich das typische Alfa-Design in diesen Entwurf einarbeiten ließe, um eine gewisse Familienähnlichkeit zu erreichen. Zudem hatte Alfa Romeo als Technikspender darum gebeten, dass die neue Studie alltagstauglicher sein möge. So reduzierte man die Heckflossen deutlich in ihrer Größe und entfernte die Abdeckungen vor den Hinterrädern. Zudem zeigt die offiziell B.A.T. 9d genannte Studie erstmals Scheinwerfer unter Klarglasabdeckungen und das Alfa-Kühlerschild in der Nase.

Im Anschluss an das Messedebüt auf dem Turiner Salon 1955 wechselte auch dieser Wagen auf die andere Seite des Atlantischen Ozeans in die USA. Dort tauchte er im März 1956 auf dem Parkplatz eines Langstreckenrennens in Sebring auf. Dort erblickte der Autohändler Harry Woodnorth aus Chicago den B.A.T. 9d und wartete gemeinsam mit Tom Barrett auf den Besitzer, um ihm diesen abzukaufen. Ein Jahr später verkaufte Barrett seine Anteile an Woodnorth und nochmal ein Jahr später ging das Unikat an Ed Beseler in Lansing, Michigan, der das Einzelstück rot lackieren ließ. Nach seinem Tod kaufte Arlen Regis das Auto aus dem Nachlass und stellte es in seinem Autohaus Captain Motors in Greenville, Michigan, aus.

1962 entdeckte der gerade erst 16-jährige Gary Kaberle den Alfa Romeo B.A.T. 9d dort und bekniete in der Folgezeit Arlen Regis, ihm diesen Wagen zu verkaufen. Schließlich leerte er eine Sporttasche voller Geld auf dem Schreibtisch des Autohändlers aus und erhielt die Schlüssel und Papiere. In den folgenden 28 Jahren behielt Kaberle den Alfa und nutzte ihn als Alltagsauto auf dem Weg zum Studium, das er mit einem Doktortitel abschloss. 1987 erhielt Dr. Kaberle eine Einladung zum Meadow Brook Concours d’Elegance und ließ hierfür die Karosserie des B.A.T. 9d in frischem Silber lackieren.

Obwohl diese drei Konzeptfahrzeuge optisch aufeinander aufbauen und gemeinsam eines der wichtigsten Trios der Automobilgeschichte darstellen, wurden sie von Bertone und Alfa Romeo niemals gemeinsam ausgestellt. Dies geschah erst nach 1987, als alle drei Fahrzeuge in Privatbesitz von Autosammlern in den USA waren. Organisatoren von bedeutenden Concours-Veranstaltungen träumten bald davon, die drei Unikate zusammenzubringen. Als Nuccio Bertone 1989 das California Art Center College of Design in Pasadena besuchte, um eine Ehrendoktorwürde zu erhalten, luden die Planer des Pebble Beach Concours d’Elegance alle drei Fahrzeuge mit ihren Besitzern und den gealterten Designfirmenchef aus Italien ein. Bertone erzählte vor Ort einige Anekdoten aus seiner Zeit mit Franco Scaglione.

Bei der gleichen Veranstaltung machte ein privater Autosammler jedem der drei Fahrzeugbesitzer ein Angebot und vereinigte damit erstmalig alle drei B.A.T.-Versionen in einer Garage. Anfang der 1990er Jahre schickte er die Wagen nach Italien zur Genoa Autostory 1992, wo der 80. Geburtstag von Nuccio Bertone gefeiert wurde. Anfang 1993 standen die drei Unikate auf der Retromobile in Paris. Das folgende Jahrzehnt verbrachten sie im Blackhawk Museum in Danville, Kalifornien. Immer wieder kamen sie zudem zu besonderen Veranstaltungen wie Pebble Beach 2005, dem Concorso Italiano 2009, Goodwood oder dem Concorso d’Eleganza an der Villa d’Este.

Nun bietet RM Sotheby’s alle drei Alfa Romeo Bertone B.A.T.-Fahrzeuge gemeinsam bei einer Auktion am 28. Oktober in New York an. Zum erwarteten Zuschlagspreis machte das kanadische Auktionshaus noch keine Angaben.

Bilder: RM Sotheby’s, Darin Schnabel, The Klemantaski Collection