90 Jahre Mercedes-Benz 770

Mit der Baureihe W 07 erweiterte Mercedes-Benz auf dem Pariser Autosalon im Jahr 1930 das Modellportfolio in die Luxusklasse hinein. Zuvor hatte man zwei Jahre an diesem neuen Typ entwickelt. Die Handelsbezeichnung lautete 770 ‚Großer Mercedes‘. Heute handelt man diese Fahrzeuge als Vorläufer der Luxusmarke Mercedes-Maybach. Im Gegensatz zu diesen modernen Modellreihen hatten Kunden seinerzeit jedoch die Möglichkeit, eigenständige Karosserieformen auf das Fahrgestell des 770 schrauben zu lassen. Üblicherweise erstreckten sich die Aufbauten dabei auf eine Gesamtlänge von 5,6 Metern. Bereits das Fahrgestell mit Triebwerk, Getriebe und Kühler kostete die damals fast unglaubliche Summe in Höhe von 29.500 Reichsmark. Mit der ab Werk angebotenen Pullman-Karosserie stieg der Grundpreis auf 38.000 Reichsmark und mit einer der diversen verfügbaren Cabriolet-Karosserien sogar auf bis zu 44.500 Reichsmark. Zum Vergleich: Die Preisliste für den etwas kleineren Mercedes-Benz Nürburg 460 (W 08) begann zeitgleich bei 15.000 Reichsmark, die des 170 (W 15) bei 4.400 Reichsmark.

Zudem hatte die Kundschaft die Wahl zwischen einer Ausführung ohne und einer mit Kompressoraufladung des 7,7 Liter großen Reihenachtzylindermotors. Letztere kostete 3.100 Reichsmark Aufpreis. Ohne Zwangsbeatmung standen 110 kW/150 PS zur Verfügung. Mit dem bei voll durchgetretenen Gaspedal zugeschalteten Gebläse kletterte dieser Wert kurzzeitig auf 147 kW/200 PS. Die Höchstgeschwindigkeit wurde mit 150 und 160 km/h angegeben. Für die Kraftübertragung zur Hinterachse sorgte ein manuelles Dreigang-Getriebe mit zusätzlichem Schnellgang-Getriebe, das zu jedem Gang dazugeschaltet werden konnte. Vorn und hinten nutzte Mercedes-Benz Starrachsen, die an halbelliptischen Blattfedern am Leiterrahmen verbaut waren. Je nach gewähltem Aufbau und der gewünschten Ausstattung lag das Leergewicht bei mindestens 2,7 Tonnen.

Bis 1938 entstanden lediglich 117 Exemplare des Mercedes-Benz 770 (W 07). Eine Sonderanfertigung auf Basis des Cabriolet F mit dem Hohenzollern-Wappen anstelle des Sterns oben auf dem Kühlergrill ging 1931 an den deutschen Kaiser Wilhelm II in seinem niederländischen Exil. Dieser Wagen steht heute gemeinsam mit einem weiteren 770, der als gepanzerte Pullman-Limousine 1935 an den japanischen Kaiser Hirohito geliefert worden war, in der Sammlung des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart. Beide Wagen gehören zu den seltenen Exemplaren ohne Kompressor-Aufladung – von der leistungsschwächeren Variante gab es nur 13 Stück. Diese umfasst zudem einen dritten 770 mit einer offenen Tourenwagen-Karosserie.

1938 debütierte ein neuer 770 ‚Großer Mercedes‘ unter dem internen Kürzel W 150. Da in dieser Phase der Zweite Weltkrieg begann und immer weniger Privatkunden in der Lage waren, ein solches Fahrzeug zu erwerben, ging der überwiegende Anteil der 88 bis 1943 produzierten Exemplare an Dienststellen des Deutschen Reiches, speziell für repräsentative Zwecke. Ein völlig neu entwickeltes Fahrgestell aus ovalen Rohren mit Pressstahlteilen anstelle von U-Profilen sorgte für die Basis der Limousinen. Im Vergleich zum W 07 wuchs der Radstand um 13 und die Gesamtlänge um rund 40 Zentimeter. Zugleich tauschte man die vordere Starrachse gegen Einzelradaufhängungen mit Doppelquerlenkern und die hintere gegen eine De-Dion-Achse, die aus Lizenzgründen als ‚Parallelradachse‘ bezeichnet wurde. Da die kompressorlose Variante beim W 07 so selten blieb, entfiel sie beim W 150. Stattdessen erhöhte man die Leistung auf 169 kW/230 PS.

Bilder: Mercedes-Benz