30 Jahre Dodge Viper

Im Januar 1989 begann in den USA ein neues Sportwagenkapitel. Nach Chevrolet mit der Corvette und Ford mit dem GT wollte endlich auch der Chrysler-Konzern in diesen Bereich vordringen. Daher präsentierte man auf der NAIAS (North American International Auto Show) in Detroit eine Konzeptstudie, die in der zweiten Jahreshälfte 1988 im Chrysler Advanced Design Studio Gestalt angenommen hatte. Als moderner Nachfolger der legendären Cobra stand hier also die Dodge Viper RT/10 erstmalig im Rampenlicht. Das Interesse vor Ort übertraf alle Erwartungen, weshalb an Chefingenieur Roy Sjoberg direkt die Order erfolgte, den Sportwagen serienreif zu entwickeln. Er suchte sich 85 hochklassige Techniker und Entwickler aus dem Konzern zusammen und begründete mit ihnen das ‚Team Viper‘. Ab März 1989 begannen die Arbeiten an diesem Fahrzeug und bereits im Herbst stand die serienmäßige Form fest. Derweil arbeitete man in Italien bei Lamborghini, zu diesem Zeitpunkt Bestandteil des Chrysler Konzerns, an ersten Exemplaren des geplanten V10-Triebwerks. Erste Prototypen nutzten noch V8-Motoren, da der V10 erst ab Frühjahr 1990 einsatzbereit war. Zudem überlegte man zeitweilig an einem reinen Cabriolet ohne den breiten Überrollbügel, verwarf diese Idee letztlich jedoch. Im Mai des gleichen Jahres gab Lee Iacocca als oberster Chrysler-Chef die Freigabe zur Produktion. Einige Testfahrten fanden auch durch Carroll Shelby, den Erfinder der Cobra statt. Unter anderem fuhr er 1991 ein Vorserienauto als Pace Car beim Indianapolis 500. Ende 1991 fanden erste Pressetestfahrten statt, während parallel die Produktion anlief.

Im Gegensatz zu anderen Fahrzeugen aus der gleichen Zeit verzichtete Dodge bei der Viper RT/10 bewusst auf Fahrhilfen wie ABS oder Traktionskontrolle. Ebenso fanden sich an den Türen keine Griffe oder Schlösser. Stattdessen musste man den inneren Türgriff betätigen, wofür bei geschlossenem Dach und aufgesetzten Steckscheiben einige Verrenkungen notwendig waren. Klimaanlage und Airbags suchte man ebenso vergeblich. Einzig manuell verstellbare Sitze mit Lordosenstütze, digitale Uhr, Teppiche und ein Autoradio dienten dem Komfort. In späteren Modelljahren bot das Werk ein Hardtop aus Glasfaser-verstärktem Kunststoff und eine Klimaanlage sowie ab 2001 auch ABS an. Die restlichen Karosserieanbauteile wie die riesige Motorhaube, die hinter den Luftauslässen angeordneten Türen und der Kofferraumdeckel im praktischen Stufenheck bestehen ebenso wie die Rohkarosserie aus GfK. Sie wurde über einem Rohrrahmen aus Stahl gefertigt.

Bereits 1993 debütierte die Coupé-Variante GTS erstmalig als Konzeptstudie. Zur Serienproduktion kam es jedoch erst ab 1996. Im Vergleich zum offenen Roadster war die Dachpartie ab der Windschutzscheibe bis zum Heckabschluss komplett umgestaltet worden. Ein Double-Bubble-Dach bot genügend Platz, um die Viper GTS auch mit Helm fahren zu können. Dahinter erinnerte das Design mit der schräg stehenden, großen Heckscheibe ein wenig an die Cobra Daytona Coupés aus den 1960ern. Nachdem erste Rennautos auf Basis der Viper RT/10 aerodynamische Defizite aufgezeigt hatten, entwickelte Dodge für 1995 die GTS-R, die in den Folgejahren in GT1- und GT2-Kategorie weltweit sehr erfolgreich unterwegs war. Zusammen mit der Markteinführung der Viper GTS gab es auch für die Viper RT/10 die Option, Rennstreifen ab Werk auflackieren zu lassen.

Das gemeinsam mit Lamborghini entwickelte V10-Triebwerk brachte allein bereits 723 Kilogramm auf die Waage, obwohl Block und Zylinderköpfe aus Aluminium bestanden. Aus acht Litern Hubraum holten die Techniker anfänglich 300 kW/408 PS und ein maximales Drehmoment in Höhe von 630 Newtonmetern. Dank des Leergewichts von nur 1.490 Kilogramm und dem manuellen Sechsgang-Getriebe spurtet die Viper RT/10 in 4,6 Sekunden aus dem Stand auf 60 mph (96 km/h) und in 9,2 Sekunden auf 100 mph (161 km/h). Als Höchstgeschwindigkeit gab Dodge 266 km/h an. 1996 erfolgte eine Modellpflege, durch die bei der RT/10 die Leistung auf 309 kW/421 PS anstieg. Kurz darauf erfolgte die Markteinführung der Viper GTS mit 335 kW/456 PS, was ein Jahr später auch die Leistungsangabe für den Roadster wurde. Gleichzeitig ersetzte man einige bislang aus Stahl produzierte Fahrwerkkomponenten gegen Aluminiumbauteile, wodurch 27 Kilogramm Gewicht eingespart werden konnten. Kombiniert mit der besseren Aerodynamik der Coupéform erreichte die Viper GTS damit 295 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Nach dem Gewinn der 1997er FIA-GT2-Sportwagenmeisterschaft führte Dodge ein Jahr darauf die auf 100 Exemplare limitierte Viper GT2 Commemorative Edition in weiß mit blauen Rennstreifen, großem Heckflügel und GTS-R-Logos an den Seiten ein. 1999 folgte die Viper ACR als sportlichere Version der GTS für Kunden, die ihren Sportwagen gern auf der Rennstrecke bewegen. Neben einem Sportfahrwerk erhielt die ACR auch eine kleine Leistungssteigerung mittels K&N-Luftfilter und neuen Ansaugrohren sowie Fünfpunktgurte im Innenraum. Mit der Final Edition verabschiedete Dodge die erste Viper-Generation im Jahr 2002. In Europa gab es sie offiziell nur als Chrysler Viper und mit Linkslenkung sowie Endrohren am Heck anstelle der Sidepipes. Prototypen mit dem Lenkrad auf der rechten Fahrzeugseite entstanden zwar, wurden letztlich aber nicht bis zur Serienreife verfolgt, da man die Absatzchancen in Australien, Großbritannien und Japan für zu gering einschätzte.

Ab 2003 lief bei Dodge die neue Viper SRT-10 als Roadster vom Band. Drei Jahre später folgte die Coupé-Variante GTS. Das V10-Triebwerk wuchs auf 8,3 Liter an und leistete 372 kW/506 PS sowie 711 Newtonmeter Drehmoment. Nach Europa gelangte die neue Viper offiziell ausschließlich als Roadster, wobei die Verkaufszahlen nie besonders hoch ausfielen. Auf den deutschen Markt kamen insgesamt lediglich 188 Exemplare. Aufgrunddessen schickte Dodge den ab 2008 in Nordamerika erhältlichen auf 8,4 Liter Hubraum vergrößerten V10-Motor mit 447 kW/610 PS gar nicht erst über den Atlantik. Ende 2010 lief die Produktion aus. Die dritte Viper-Generation ließ bis 2012 auf sich warten. Teile der Entwicklungsarbeit erledigten Ferrari und Maserati, da Chrysler inzwischen mit Fiat zu FCA fusioniert war. Zunächst lief der Sportwagen mit seinem 8,4 Liter großen V10-Motor und 477 kW/649 PS unter dem Label SRT (Street and Racing Technology) vom Band, was für das Modelljahr 2015 allerdings wieder in Dodge Viper SRT zurückgeändert wurde. Eine Roadster-Variante gab es diesmal ebenso wie einen Export nach Europa nicht ab Werk. Aufgrund mangelnder Nachfrage stellte FCA die Fertigung im August 2017 endgültig ein. Teile oder ganze Fahrzeuge dienten auch anderen Herstellern als Basis ihrer Sportwagen. So verwendete Bristol den Zehnzylindermotor und einige technische Komponenten für den Supersportwagen Fighter, während Zagato neun Exemplare der Viper SRT ACR-X in den Alfa Romeo TZ3 Stradale verwandelte. Zudem gab es Planungen zum Devon GTX und zum VLF Force 1 V10, die jedoch jeweils nicht bis zur Kleinserie gelangten.

Bilder: Dodge