135 Jahre Daimler Reitwagen

Für die Menschen der heutigen Zeit ist es kaum vorstellbar, aber unser heutiges Straßenbild mit Autos, Mofas und Motorrädern ist noch keine 150 Jahre alt. Selbst die Verwendung von Verbrennungsmotoren für stationäre Zwecke wie den Antrieb von Maschinen kam erst vor rund 140 Jahren langsam auf. Vorher kannte man vielerorts eher Dampfmaschinen und durch sie angetriebene Riemenanlagen, die den ersten Schritt in die Industrialisierung ermöglichten. Zu den Pionieren beim Bau von Verbrennungsmotoren gehörte Gottlieb Daimler, der 1882 eine Versuchswerkstatt in Cannstatt gegründet hatte. Einer seiner frühen Mitarbeiter wurde bald Wilhelm Maybach, mit dem er gemeinsam einen Einzylinder-Viertaktmotor entwickelte. Im Rahmen dieser Arbeiten ließ er sich verschiedene Aspekte des 462 Kubikzentimeter großen Motors im Jahr 1883 patentieren, der bereits 735 Watt oder eine Pferdestärke leistete. Am 3. April 1885 erhielt auch eine kleinere, modifizierte Version dieses Motors ein Patent, der aufgrund seiner Bauform den Spitznamen ‚Standuhr‘ trug. Aus 264 Kubikzentimetern resultierten hier 0,5 PS. Daimler legte diesen Antrieb bewusst auf den Betrieb mit dem relativ neuen Benzin aus, wodurch ein ortsungebundener Einsatz möglich wurde.

Ihm und Wilhelm Maybach schwebte bereits zuvor der Einsatz dieser Motoren in Fahrzeugen vor. Um Geld zu sparen entschieden sie sich beim Erstlingswerk für ein aus Hickory-Holz gefertigtes, ungefedertes Zweirad mit seitlichen Stützrädern und verstärkenden Eisenplatten am Rahmen. Zwischen den 60 Zentimeter großen, ebenfalls aus Holz angefertigten Rädern mit Eisenreifen fand sich der Einzylindermotor, der seine Kraft über einen Antriebsriemen auf das Hinterrad übertrug. Der Fahrer nahm auf einer Art belederten Sattel Platz und konnte über einen kleinen Lenker die Fuhre grob auf Kurs halten. Ein Seilsystem am Lenker ermöglichte die Betätigung der hinteren Klotzbremse. Diesen ‚Reitwagen‘ ließ Daimler am 29. August 1885 patentieren, damals noch unter dem Titel ‚Fahrzeug mit Gas- bzw. Petroleum-Kraftmaschine‘. In dieser Patentschrift finden sich auch Hinweise auf ein Schlittengestell für den Wintereinsatz, wodurch der Reitwagen nicht nur Vorläufer des heutigen Motorrades, sondern auch des Schneemobils ist.

In der Folgezeit verbesserte das Daimler-Team den Reitwagen kontinuierlich. So veränderte man die Lenkung, verlagerte die Bremse auf einen Hebel unterhalb des Lenkers und stattete den Antrieb mit einem im Stand schaltbaren Getriebe mit zwei Übersetzungen aus. Diese ermöglichten entweder 6 oder 12 km/h Höchstgeschwindigkeit, indem die Motorkraft über eine Welle mit Ritzel auf einen innenverzahnten Kranz am Hinterrad übertragen wurde. Erste Testfahrten fanden ausschließlich innerhalb von Cannstatt statt. Am 10. November 1885 wagte jedoch Paul Daimler, der Sohn des Firmengründers, eine Ausfahrt von Cannstatt nach Untertürkheim und zurück. Heute mögen 24 Kilometer wenig sein, damals waren sie ein Durchbruch.

Parallel zu Daimler arbeiteten diverse Techniker weltweit an Gasmotoren und deren Verwendungsmöglichkeiten. Einer von ihnen war Carl Benz in Mannheim. Er fertigte den ersten Motorwagen nach eigenem Konzept an, indem er rund um einen Einzylindermotor ein dreirädriges Gefährt aufbaute. Dieses ließ er Anfang 1886 patentieren und erschuf damit das erste anerkannte Automobil. Gottlieb Daimler verbaute derweil im Sommer 1886 seine ‚Standuhr‘ in einen kutschenartigen Aufbau, der dadurch folgerichtig den Namen ‚Motor-Kutsche‘ erhielt. Es war eines der ersten vierrädrigen Automobile, basierte aber eben noch auf einem Pferdefuhrwerk. Das Original des Daimler Reitwagens wurde leider 1903 durch ein Feuer zerstört. In jüngerer Zeit hat die inzwischen zusammengelegte Firma der beiden Pioniere Daimler und Benz, allen als Mercedes-Benz bekannt, zehn Repliken in der Klassikwerkstatt aufgebaut, von denen neun als Standmodelle dienen und eines sogar fahrbereit ist. In Österreich erscheint seit 1986 ein Motorradmagazin, das die Daimler-Erfindung namentlich ehrt: ‚Der Reitwagen‘.

Bilder: Mercedes-Benz