125 Jahre Automobil-Fernfahrten

Heutzutage gehören Fernreisen mit Autos, speziell in den Sommer- und Winterferien ebenso zur Normalität wie lange Fahrten auf Geschäftsreisen. Dass dies vor einigen Jahrzehnten noch nicht selbstverständlich war und generell erst vor 125 Jahren die weltweit erste belegbare Fernfahrt stattgefunden hat, können sich heutige Autofahrer vermutlich kaum noch vorstellen. Allzuleicht ist es, sich hinter das Lenkrad zu setzen und ‚mal eben‘ von Flensburg nach München oder von Berlin nach Paris zu fahren. 1894, weniger als ein Jahrzehnt nach der Patentierung des Automobils durch Carl Benz, war das noch anders. Nur die oberen Zehntausend konnten sich überhaupt ein eigenes Auto leisten – wenn sie einen solchen ‚Stinkekasten‘ überhaupt haben wollten. Zumeist dienten die Fahrzeuge dann dem Transport der Familie vom Wohnhaus zur Kirche oder in die Stadt, selten für weitere Strecken.

Baron Theodor von Liebieg, ein junger Industrieller, gehörte zu den ersten Kunden der Firma Benz und hatte einen Victoria erstanden. Offensichtlich verstimmte er dabei sogar den Großherzog von Baden, da von Liebieg knapp eher bestellt hatte und damit auch früher zu seinem Auto mit der Fabrikationsnummer 76 kam. Diese Bestellung erfolgte im Oktober 1893, als Carl Benz eigentlich den Großherzog in seiner Fabrik erwartete, jedoch kurz vor dem Besuch des Landesherrn der junge von Liebieg überraschend in der Tür stand, Benz diverse Fragen zum ersten Auto mit Achsschenkellenkung stellte und schließlich um eine Probefahrt bat. Ganz knapp bevor der Großherzog schließlich eintraf rollte Liebieg wieder auf den Hof, unterschrieb den Kaufvertrag und zahlte 1.500 Mark an, rund ein Drittel des Kaufpreises. Anschließend reiste er zurück ins heimische Reichenberg, das heutige Liberec in Tschechien. Dorthin lieferte Benz den bestellten Victoria mit seinem 2,2 kW/3 PS starken Einzylindermotor im folgenden Frühjahr per Bahn und entsandte zudem seinen Fahrmeister Thum, um von Liebieg in alle Funktionen des Wagens einzuweisen.

Von Liebieg war mit seinen 21 Jahren ein durchaus abenteuerlustiger Mensch. Er plante für den Sommer 1894 eine Fernfahrt von seiner Heimat Böhmen zum Haus seiner Mutter in Gondorf an der Mosel, wobei er unterwegs die Werkstatt von Carl Benz in Mannheim besuchen wollte. Eine solche Reise sei „schon seit Gymnasiastentagen mein Ideal gewesen“, schrieb der Baron im Rückblick in seine bebilderte Reisechronik, aus der wir zwei Seiten in unserer Bildergalerie zeigen. Die Planung und vorhergehende Probefahrten unternahm er gemeinsam mit seinem Freund, dem Arzt Franz Stransky. Sie sind schnell zuversichtlich, dass der Benz Victoria trotz der damals noch sehr schlechten Beschaffenheit der Überlandstraßen, der schwierigen Versorgung mit Kraftstoff und des hohen Kühlwasserverbrauches die Tour schaffen würde. Am 16. Juli 1894 ging es los über Bautzen nach Dresden, einen Tag später nach Eisenberg und am 18. Juli schließlich über Jena, Weimar, Erfurt und Gotha nach Eisenach. Es folgte eine Zweitagesfahrt ohne Übernachtungsstopp über Fulda, Offenbach, Frankfurt am Main und Darmstadt, um nach 26 Stunden Fahrtzeit in Mannheim bei Carl Benz anzukommen. Nach diesem Besuch ging es zwei Tage lang am Rhein entlang in nördlicher Richtung, bis man am 22. Juli Gondorf erreichte. Insgesamt dauerte die Fahrt über 939 Kilometer 69 Stunden, wodurch sich ein Durchschnittstempo von 13,6 km/h ergibt. Getankt wurde an Drogerien und Apotheken, ähnlich wie es bereits Bertha Benz auf ihrer Fahrt von Mannheim nach Pforzheim getan hatte.

In der Reisechronik steht für den ersten Tag der folgende Eintrag zu lesen: „Es ist schon so manche Strecke mit Dampf, Electricität und Wagen durchreist worden. Wir erkoren uns ein Vehikel das uns frei macht von den kleinlichen Scherereien, uns ganz auf uns selbst anweist. Es war dies der Benzin-Motorwagen des genialen Benz in Mannheim. Wohl ausgearbeitet lag der Reiseplan vor uns, nicht auf den Zufall, sondern auf unseren mühsam durchdachten Fahrplan angewiesen…“ Im weiteren Verlauf der Reise notierte von Liebieg: „Bei der letzten Flasche Mosel sagten wir uns Lebewohl und nachdem wir die beiden Wagen photographiert, fuhren wir allein weiter gegen Offenbach. Zu Langau, einem kleinen Nest vor Offenbach hatten wir mit einigen Bauern viel Spaß; da in dem Wirthshaus nichts als Apfelwein zu bekommen war und das Gebräu ganz scheußlich schmeckte, so goß ich resolut die ganze trübe Flüssigkeit in den Kessel der Maschine. Verdutzt guckten mich die Bauern an und Einer meinte zu mir: „Da wird ja der Äppelwein sehr heiß drinnen werden.“ Darauf sagt ein Anderer: „Du Tappes, den trinken die doch nicht, damit füttern sie die Maschine.“ Der Überkluge war damit noch nicht zufrieden und frägt mich weiter: „Muß denn die Maschine immer Äppelwein bekommen?“ Darauf von mir die prompte Gegenrede: „Natürlich, ’s putzt die Rohre aus!““ Neben Abenteuerlust verfügte der junge Baron demnach auch über eine gute Portion Humor. Inklusive der Rundfahrten, die er während seines vierwöchigen Urlaubs an der Mosel unternahm, und der Rückfahrt legten er, sein Freund Franz Stransky und der Benz Victoria in diesem Sommer rund 2.500 Kilometer relativ problemfrei zurück. Auf dem Rückweg verweilte er länger in Mannheim und ließ den Wagen bei Benz warten. Als Durchschnittsverbrauch notierte man rund 21 Liter Ligroin (Benzinvorläufer) und etwa 150 Liter Wasser pro 100 Kilometer. Dieser hohe Wasserverbrauch resultierte aus der offenen Verdampfungskühlung des Triebwerks. Von Liebieg unternahm weitere Fernfahrten und errang 1899 beim ersten Österrischen Internationalen Rennen in Wien den ersten Platz mit einem Benz 8 PS. Dann beteiligte er sich an der Nesseldorfer Wagenbau-Fabriks-Gesellschaft, die 1923 mit der Firma Ringhoffer zu Tatra fusioniert. Er bleibt der Marke Benz sowie der späteren Marke Mercedes-Benz sein Leben lang als Kunde treu. Sein finales Fahrzeug vor seinem Tode im Jahr 1939 war ein Mercedes-Benz 540 K Cabriolet A.

Bilder: Mercedes-Benz